Seit Sommer 2010 arbeiten Magdeburger Bürger mit dem Regisseur Dirk Cieslak an "Hamlet". Das Shakespeare-Stück und die Hamletfigur verweisen auf Zwiespälte und das Ringen um Lebenswege und Verantwortlichkeiten. Die Magdeburger Mitspieler befragten ihre eigenen Lebensgeschichten unter dem Muster des Shakespeare-Stoffes und entwickelten ihre eigenen Stücktexte. Acht Magdeburger Bürger, vier Schauspieler und ein Kind spielen gemeinsam. Am Freitag war Premiere am Schauspielhaus.

Magdeburg. Zuschauer und Akteure werden dicht zusammengeführt. Ohne Distanz befinden sie sich im selben Raum, einem aus Sperrholz gebauten Zimmer, einfach, fast neutral, vor den Zuschauerstühlen nur ein paar Sitzgelegenheiten, wenige Requisiten, eine Stadtlandschaft an der Stirnseite, rechts ein kleines Stalinbild.

Groß war nur das Untier, auf dem Iris Albrecht ritt, als die Zuschauer um das Spielzimmer herumgeführt wurden, um den Hintereingang zu finden. "Was ist der Mensch, wenn seiner Zeit Gewinn sein höchstes Ziel nur Schlaf und Essen ist? Ein Vieh, nichts weiter..." Die Schauspielerin stellt mit der Shakespeare-Frage und Antwort das Problem vor, mit dem in den folgenden 70 Minuten die mitwirkenden Laiendarsteller und Schauspieler sich selbst und die Zuschauer konfrontieren.

Es sind Magdeburger Bürger, und sie berichten in der ersten Szenenfolge über ihr Verhältnis zur Stadt, von Alpträumen und hoffnungsvollen Wunschträumen über Magdeburg, und bereits hier zeigt sich, dass sowohl Ängste als auch Hoffnungen sehr ehrlich und gründlich in die Tiefe gehend empfunden, aber auch trefflich formuliert werden. Die Stadt sei zum bloßen Transitraum geworden, der nur noch in Eile durchquert werde und wo sich die Kommunikation nur noch auf eine rudimentäre Zeichensprache beschränke, unspezifisch und arm. Man sei allein unter Menschen, das Allee-Center ist die Kathedrale, Dom und Kloster bloße Ornamente.

Viel Nachdenklichkeit und Selbsterkenntnis

Die Generationen werden auseinandergesperrt, sie haben zu funktionieren ohne eigene Geschichte, so die Alpträume.

Die jungen Leute, die etwa am Bahnhof beieinander hocken und nicht erst eine Ausbildung versuchten, sagt Maria Bienemann, kämen nirgendwoher, und deshalb können sie sich nicht emanzipieren.

Die Vision von einem fröhlichen und sehr bunten Beieinandersein zum Beispiel im Dom, aber auch auf Straßen und Plätzen erscheint als Gegenentwurf.

Der Geist des Vaters bedrängt die Magdeburger Hamlets. Christel Landesfeind spielt es vor, wie sie, getrieben von den Wünschen des Vaters, des Trainers, der Mutter, der Tochter, der Schulbehörde, sich selbst zerreißt. "Ich gebe mein bestes", wird sie ununterbrochen versichern, wird kämpfen, sich durchboxen - links, links, rechts - Deckung, links... - und bis zur völligen Erschöpfung alle Geister bedienen.

Es erscheinen andere Gewalttätigkeiten. Die Katastrophen des Krieges vererben sich in den Familien durch die Generationen. Es wird geschlagen und getreten, immer der Stärkere den Schwächeren. Der Alptraum scheint auch nach über 60 Jahren noch nicht aufzuhören. Diana Grottke spielt die ergreifende Szene über den Vater: "Der Krieg steckt in ihm und er steckt in mir. Mein Vater liebt sich und er schlägt mich."

Beate Rülke und Kristina Manke spielen Schwestern, deren Leben scheinbar gerade und, für manche Nachfolgenden unverständlich, völlig angstfrei durch die DDR verlief. "Wir wussten", sagen sie, "dass SIE da waren, aber wir hatten keine Angst vor ihnen." Aber jetzt zeigt sich, dass die Lebensspanne nicht ausreichen könnte, um das eigene zu erkennen und zu gestalten.

Man träumt sich fort in den Rausch des Kölner Karnevals, aber sogleich trifft alle der Alptraum. Auf den Wagen fahren die Leichen der in Afghanistan Erschlagenen. Totenstille!

Die Gegenwart ist alles andere als angstfrei. Tod und Schrecken sind allgegenwärtig. "Aber, Gott sei Dank, sie kommen nicht zu uns", wird jemand sagen, aber auch die Mechanismen des Wegsehens benennen.

Zuvor hatte der siebenjährige Viktor Grottke schon die gesamte Hamletgeschichte erzählt, wunderbar kurz, treffend, unmissverständlich auch für das Kind. Gewalt gebiert Gewalt, Tod folgt auf Tod. Später wird der Junge noch einmal das Alpha und Omega der kapitalistischen Jetztzeit in einem Satz aufsprechen, und er wird die Geister sehen und zeigen, wie man sich deren Macht entzieht, wie nur Kinder es können.

Die Lebensepisoden sind vielfältig, berühren durch ihre Authentizität und das Spiel ist absolut überzeugend. "Hamlet in Magdeburg" hat bei den Akteuren, neben den Genannten noch die Magdeburger Georg von der Gablenz und Gisela Müller sowie die Schauspieler Frank Benz, Ralph Martin und Sebastian Reck, aber auch im Publikum Spuren hinterlassen, viel Nachdenklichkeit, Selbsterkenntnis, auch Zusammengehörigkeitsgefühl. Es ist ein spannendes Stück und wunderbares Theater.