Von Ulrike Löhr

Magdeburg. Dass sich der Konzertmeister der Magdeburgischen Philharmonie in jeder Saison auch mit einem Solokonzert präsentiert, ist fast schon Usus. Yoichi Yamashita musizierte diesmal das 2. Violinkonzert h-Moll von Béla Bartók, eines der wichtigsten und technisch schwierigsten Violinkonzerte des 20. Jahrhunderts. Die darauffolgende 6. Sinfonie Ludwig van Beethovens, die "Pastorale", war prädestiniert zum Ausleben einer reichen Klangkultur des Orchesters.

Ein Segen, dass Generalmusikdirektor Kimbo Ishii-Eto persönlich am Pult stand. So entschied dieser sich für die "historische" Orchesteraufstellung, jene, bei der die zweiten Geigen rechts vorn sitzen, so wie es zu Beethovens Zeiten im 19. Jahrhundert üblich war, um den musikalischen Dialogen und gedanklichen Phrasen akustische Plastizität zu verleihen. Dies sollte auch beim Violinkonzert funktionieren, bedenkt man, dass Bartók eigentlich ein Variationswerk komponieren wollte, als 1936 der Geiger Zoltán Székely bei ihm um ein Violinkonzert bat.

Nun ist das Werk für das Publikum keine ganz leichte Kost. Die anfänglichen Harfenklänge und zupfenden Streicher suggerieren kurz Romantik, schließlich steigt der Solist sogleich mit einer Art Zwölftonthema ein, das jedoch durch seinen bewussten klassisch-romantischen Tonalitätsbezug Yoichi Yamashita recht spielerisch und mit gutem sattem Ton leidenschaftlich gestaltete. Die folgenden Stimmungswechsel und die teilweise exzessiven Orchesterparts gipfelten in einer beeindruckenden Solokadenz. Die fast melancholische Linie der Celli, Bratschen und 2. Violinen, die in den Mittelsatz führte, beruhigten die musikalischen Konflikte.

Wie schön leidenschaftlich nahmen das die 1. Violinen und der Solist auf. Bemerkenswert spätestens hier, wie eng der Kontakt zwischen Yamashita und Ishii-Eto war. So ergab sich Spannung und Fluss, die die tollen Klanggebilde zum Beispiel zwischen Flöten, Oboen, Harfe und Celesta mit dem Soloinstrument im Zusammenspiel gekonnt verschmelzen ließen.

Das variantenreiche und imposante Finale kam zwar schön unbeschwert daher, stellte aber höchste technische Anforderungen an den Solisten und seine Begleiter. Doppelgriffglissandi und Oktavparallelen waren da ja noch einfach, die nicht gerade eingängige Melodik ging über das gesamte Griffbrett und alle Saiten des Sologeigers. Yamashita hat dennoch mit einem reifen musikalischen Verständnis nuanciert und intoniert, das Orchester ging sofort darauf ein, gedämpfte Violinen, interessante Schlagwerkskombinationen und dosierte Trompeten- und Posauneneffekte rundeten das Wechselbad der Gefühle im Finale ab.

Die Hochachtung vor dieser Leistung honorierte auch das Publikum mit langem respektvollem Trampelapplaus.

Völlig frei spielte sich die Magdeburgische Philharmonie mit der Beethoven-Sinfonie Nr. 6 F-Dur op. 68, der "Sinfonia pastorale". Und durch Kimbo Ishii-Etos wunderbaren Gestus lag mehr als nur "schöne" Musik in der Luft - eigene Empfindungen und Betrachtungen. Ja, die Musik ist zwar so illustrativ, dass es tatsächlich Ende der 20er Jahre des 19. Jahrhunderts eine szenische Aufführung der Sinfonie in London gab.

Ohne diese großartige Sinfonie zu verniedlichen, nahm sich Ishii-Eto Zeit, damit seine Musiker genussvoll die pittoresken Züge wie die Vogelstimmenkadenz, die folkloristischen Dorftanz-Melodien oder die Effekte des musikalischen Unwetters äußerst homogen und dynamisch differenziert ausmusizieren konnten. Kimbo Ishii-Eto und die Philharmoniker erzählten hier erstklassig eine Geschichte voller Leben.

Der Konzertabend wurde von MDR Figaro aufgezeichnet und wird morgen um 20.05 Uhr gesendet