Die Geschichten der Ilias und der Odyssee werden jeder Generation aufs Neue erzählt. Der Dänische Autor Kim Norrevig schuf eine zeitgemäße Bühnenfassung für Menschen ab neun Jahren; sie wurde jetzt zur Grundlage eines Puppenspiels, das Alexej Leliavski inszenierte und für das Sasha Vakhrameeu Puppen und Bühnenbild schuf. Als Spieler sind Benno Lehmann und Pascal Martinoli zu erleben.

Von Liane Bornholdt

Magdeburg. Vier weiße Tonnen stehen auf der Bühne, und zwei schwarz gewandete Spieler lassen sie klingen. Mal rauscht es, mal grollt, mal donnert es, und schließlich rollen und schwingen die Tonnen durch die Meeresweite und fügen sich zur Inselwelt. Die Erzählung beginnt bei Odysseus\' Landung auf Ithaka.

Bevor der Held allerdings selbst zum Erzähler wird, erfährt man die ganze Vorgeschichte des Königs von Ithaka und dessen Geheimnis, das ihn mit der Geliebten Penelope verbindet. Man wird Zeuge einer glücklichen Familiengründung, dem Spiel des kleinen Telemachos mit den Eltern und dem großen Hund Argus, bis schließlich die Flotte des Menelaos auftaucht, den König seinen Treueschwüren zu folgen anmahnt und ihn auf die Schlachtfelder vor Troja entführt.

Die Mittelmeerwelt aus weißen Tonnen belebt sich mit den Helden der griechischen Sagen- und Götterwelt. Es sind weiße Figuren, die in vielerlei Hinsicht Assoziationen wecken, aber abstrakt genug bleiben, um auch ohne Kenntnis der Vorbilder antiker Artefakte eine reiche Phantasie zu provozieren, bärtig und muskulös die Krieger, graziös Penelope und Klein-Telemachos, die Trieren auf dem Meer wie die Ritzbilder in antiken Vasen. Erstaunlich und bezaubernd, in wie vielen kleinen Details hier die große Mythologie im wahren Sinne als Bildergeschichte erzählt wird.

Sprachlich gelingt wahrlich Erstaunliches

Benno Lehmann und Pascal Martinoli sind Erzähler und Spieler zugleich. Sie verwandeln die Schauplätze mit den Tonnen, sie werden auch selbst zu antiken Figuren, Läufern oder Diskuswerfern, wie sie auf den alten Bildern dargestellt sind, sportlich, ja fast akrobatisch, und sie bleiben immer die erzählenden Vermittler, die auch gelegentlich mit dem Publikum in einen Dialog treten.

Sprachlich gelingt dieser Stückfassung wahrlich Erstaunliches. Es ist ein Text entstanden, der ganz gegenwärtig ist und sich dennoch jeglicher Modernismen enthält, der ganz klar ist, ohne simpel zu werden, und dem es sogar gelingt, ein wenig von Rhythmus und Schwung des großen Epos\' einzufangen. Erzählkunst vom Feinsten, die auch noch wunderbar lebendig dargebracht wird ohne Pathos aber auch, ohne die Geschichte zu verkleinern.

Für Kinder wie für Erwachsene spannend

Dadurch entstehen auch alle Sagengestalten in angemessener Größe, und keine sinkt zur bloßen Comicfigur. Polyphem etwa ist schon gruselig und auch ein wenig plump, aber man kann ihm mitfühlen. Circe ist eine liebenswerte Zauberin, Odysseus\' Schwäche sehr verständlich, und die göttlichen Rinder sind so anmutig, dass man sofort weiß, dass sie nicht angetastet werden dürfen.

Es gibt ausreichend Momente, in denen gelacht werden kann, aber nichts wird albern. Hier ist der Regie eine Balance geglückt, an der man einfach immer seine Freude hat, die einen sehr reichen Schatz an Anknüpfungspunkten bietet, der für Kinder, für Jugendliche wie auch für Erwachsene spannend ist. Überraschend, wie etwa das Trojanische Pferd entsteht oder die Schafsverkleidungen in Polyphems Höhle, wie sich die Freier in Penelopes Haus breit machen und wie sie sich schließlich an Odysseus\' übermächtigem Bogen versuchen.

Kaum etwas fehlt im Geschichtenbilderbogen, und doch hat diese Odysseusvariante schon etwas ganz Besonderes zu bieten. Sie wird im Wesentlichen als Familiengeschichte erzählt. Es ist Telemachos, der die Abenteuererzählung des gestrandeten Vaters hinterfragt.

Er will und muss erkunden, weshalb der Vater ihn und die Mutter so viele Jahre allein ließ, und es sind diese Fragen, welche die Geschichte vorantreiben. Die Götter mit ihren Streitigkeiten erscheinen nur sehr gelegentlich als Masken und können nicht als Rechtfertigung für die Abwesenheit dienen. Interessant, dass der endlich Heimgekehrte auch zunächst als gottgleiche Maske erscheint, bevor er sich dann doch zum liebenden Vater wandelt und die Familienzusammenführung endlich gelingt.

Es ist eine so alte Geschichte, aber es ist, wie man deutlich und mit viel Vergnügen im Magdeburger Puppentheater sehen kann, auch eine höchst aktuelle Geschichte, die so sehr lehrreich zeigt, dass es niemals zu spät ist, nach Hause zu finden.