Er war Drahtzieher des Holocaust und bleibt bis heute Inbegriff des Schreibtischtäters: Adolf Eichmann schickte mit wenigen Federstrichen Millionen Menschen in den Tod. 50 Jahre nach dem Prozess gegen den "Spediteur" der Shoa zeichnet eine Ausstellung in Berlin das Strafverfahren in Jerusalem, Eichmanns Verteidigungsstrategie als "kleines Rädchen" im NS-System sowie das damalige Medienecho nach.

Berlin (dpa). Der Prozess zwischen dem 11. April und dem 12. Dezember 1961 war ein Meilenstein in der Aufarbeitung des Massenmordes an den Juden, sagte der Direktor des Berliner Dokumentationszentrums Topographie des Terrors, Andreas Nachama. Auf rund 200 Quadratmetern dokumentiert die Ausstellung bis 18. September auf dem Gelände des einstigen Reichssicherheitshauptamts (RSHA) in der Wilhelmstraße mit Texten, Tonaufnahmen und Filmausschnitten die Aussagen von Zeugen, die Fragen des Staatsanwalts Gideon Hausner und die straffe Prozessführung der Richter, des in Weißenfels geborenen Benjamin Halevi (Ernst Levi) und dem aus Aurich in Ostfriesland stammenden Yitzhak Raveh (Franz Reuss).

Eichmann (1906-1962) war als Leiter des "Judenreferats" IV B 4 beim RSHA mitverantwortlich für die Ermordung von rund sechs Millionen Menschen im weitgehend von den Deutschen besetzten Europa. In der berüchtigten Wannsee-Konferenz schrieb er das Protokoll. Nach dem Krieg flüchtete er nach Argentinien, wurde aber dort 1960 von Agenten des israelischen Geheimdienstes festgenommen und nach Jerusalem entführt. Wegen Verbrechen gegen das jüdische Volk wurde er schuldig gesprochen und in der Nacht zum 31. Mai 1962 hingerichtet.

Knapp 16 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kamen mit dem Prozess zum ersten Mal für eine weltweite Öffentlichkeit Überlebende zu Wort. Filmaufzeichnungen für das Fernsehen und die Wochenschau lösten auch in Deutschland nach jahrelangem Schweigen eine Debatte über die NS-Zeit aus. Unter dem Eindruck des Prozesses wurden in der Bundesrepublik mehrere NS-Verfahren in Gang gesetzt.

Als "ungeheuerlich" kritisierte der Leiter der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz, Norbert Kampe, die heutige Rolle des Bundesnachrichtendienstes (BND) und des zuständigen Kanzleramts. Trotz einschlägiger Entscheidungen des Bundesverwaltungsgerichts verweigere der BND noch immer die Herausgabe von Akten zu Eichmann. Dies sei unverständlich.

Auch unter den Juden löste der Prozess heftige Debatten aus. Mit ihrem Bericht für die Zeitschrift "New Yorker" hatte die jüdische Philosophin Hannah Arendt Eichmann als willfährigen Beamten ohne Eigeninitiative porträtiert und dabei von der "Banalität des Bösen" gesprochen. Sie warf auch den sogenannten "Judenräten" in den Ghettos Kollaboration mit den Nationalsozialisten vor.

Die Ausstellung sei auch eine Antwort auf Arendts Thesen, sagte Mitkurator Ulrich Baumann von der Stiftung Holocaust-Mahnmal. Im Prozess habe sich Eichmanns Strategie als ausschließlicher Befehlsempfänger als Lüge offenbart. "Er wurde als Täter erkennbar."