Von Liane Bornholdt

Magdeburg. Alljährlich im März richtet sich die öffentliche Aufmerksamkeit auf das Telemannzentrum in Magdeburg, wenn - wie in diesem Jahr - von hier aus der Internationale Telemann-Wettbewerb ausgerichtet wird, oder in den "geraden" Jahren, die Telemann-Festtage mit internationalen Spitzenkünstlern die ganze Stadt erklingen lassen.

Von der Arbeit der Musikwissenschaftler im Gesellschaftshaus in der Schönebecker Straße, die in der Zeit zwischen diesen Ereignissen geleistet wird, ist vordergründig weniger zu bemerken, aber natürlich ist diese die Grundlage, durch welche die großen Musikfeste mit ihrer internationalen Ausstrahlung erst möglich werden.

Jetzt wurden im Gespräch über Telemann eine Reihe der jüngsten Forschungsergebnisse und Publikationen des Zen- trums vorgestellt, neue Bücher, neu erarbeitete Noten, CDs.

Das gewichtigste Werk ist ein wissenschaftlicher Konferenzbericht, der 14., der seit 1963 im Zentrum erarbeitet wurde. "Telemann und die Kirchenmusik" war das Thema der musikwissenschaftlichen Konferenz, die 2006 während der Telemann-Festtage stattfand, und nun ist der Bericht, 460 Seiten stark mit Beiträgen von 23 Autoren, die erste Publikation, die sich dieser, für Telemann selbst wichtigsten Seite seines Schaffens widmet.

Es sei, so die Herausgeber Carsten Lange und Brit Reipsch, ein bedeutender Beitrag zur Musikgeschichte des 18. Jahrhunderts, weltweit beachtet und nicht nur für Wissenschaftler interessant (ISBN 978-3-487-14546-4).

Vor allem für Musiker ist der jüngste Band der Telemann-Auswahl-Ausgabe interessant. Das auf Jahrzehnte angelegte und gerade jüngst verlängerte Editionsprojekt des Kasseler Bärenreiter Verlages sammelt die noch längst nicht vollständig erschlossenen Kompositionen Telemanns, und nun ist mit dem Band XLI ein ganz besonderes Werk des Barockkomponisten im Notentext erhältlich. Als 78-jähriger hat sich Telemann des großartigen Messias-Epos\' des fast 40 Jahre jüngeren Klopstock angenommen, und der greise Komponist war überhaupt der erste, der sich dieser so vielschichtigen Dichtung musikalisch annäherte.

Originalhandschriften wurden entziffert

Zwei Auszüge, die Eröffnung "Sing, unsterbliche Seele" und einen wunderschönen Trauergesang der alttestamentlichen Sängerinnen Mirjam und Debora, hat Ralph-Jürgen Reipsch aus Telemanns Handschriften entziffert und für die Aufführung bearbeitet, eine Sisyphosarbeit angesichts der nahezu unleserlichen Autographen, die überdies von Telemanns Enkel noch überschrieben und verschlimmbessert wurden. Aber welch eine wunderbare Musik! Ein Ausschnitt ist nun schon zu hören gewesen, und, so war zu erfahren, bei den Telemann-Festtagen 2012 soll das Werk in Magdeburg erklingen.

Von den Telemann-Festtagen 2010 konnte auch eine Doppel-CD präsentiert werden, ein Mitschnitt der Lukas Passion 1748, die die Rheinische Kantorei und Das Kleine Konzert unter Hermann Max aufgeführt hatte. Dafür und für die Ersteinspielung von Telemanns Johannes-Passion 1749 mit dem Kammerchor der Biederitzer Kantorei unter Michael Scholl hat Carsten Lange die Einführung verfasst. Alle Publikationen sind im Buchhandel und im Magdeburger Telemann-Zentrum erhältlich.