Vor wenigen Tagen warnte die Stiftung Lesen davor, dass Deutschland seinen Ruf als Land der Dichter und Denker verlieren könnte. Gemach, gemach, werden viele urteilen - die Deutschen sind noch nie als geschlossene Nation mit Goethe oder Schiller unterm Kopfkissen eingeschlafen. Der Ernsthaftigkeit des Themas aber würde man damit nicht gerecht werden. Denn viel verändert oder verbessert hat beim Thema Lesen auch der millionenfach verschlungene Harry Potter nicht.

Von F.-René Braune

Jörg F. Maas, Hauptgeschäftsführer der Stiftung Lesen, führt für seine Warnung zwei Argumente ins Feld: Jeder fünfte Schulabgänger in Deutschland ist nicht in der Lage, einen Text zu lesen und zu verstehen. Darüber hinaus habe die PISA-Studie des vergangenen Jahres gezeigt, dass die deutschen Schüler ihre Lesekompetenz im Vergleich zum Jahr 2001 nicht verbessern konnten. Im europäischen Vergleich liegen sie nur im Mittelfeld.

Natürlich könnte man jetzt fragen, was daran bedenklich sei, schließlich müssten die Deutschen ja nicht in jeder Beziehung und auf jedem Gebiet die Besten sein. Aber auch damit würde man die von Maas skizzierte Gefahr verharmlosen.

Im Kern geht es nämlich weniger darum, ob dieses Land einen Ruf zu verlieren hat. Vielmehr geht es um die Tatsache, dass 20 Prozent der Jugendlichen nicht richtig lesen können - wohlgemerkt - nach dem Abschluss der Schule. Und dies in einer Zeit, in der ein Berufsleben ohne Computer und Tastatur in nur wenigen Wirtschaftsbranchen vorstellbar ist. Aber mangelnde Fähigkeiten für den täglichen Broterwerb sind nur eine Seite, die andere ist die mit der Leseinkompetenz einhergehende Gefahr, relativ einfache Sachverhalte nicht mehr zu verstehen und sich - daraus ableitend - auch nicht mehr verständlich ausdrücken zu können.

Das Internet zeigt, wie die Realität aussieht

Wer dies für üble Schwarzmalerei hält, kann auf einfache Weise überprüfen, auf welchem Entwicklungsstand viele deutsche Kinder und Jugendliche sind: Man muss sich nur in irgendein Forum im Internet einloggen, in dem sich junge Menschen beispielsweise über ein Computerspiel austauschen. Um eines klarzustellen: In solchen Foren geht es nicht darum - wie beim Chatten oder Simsen - in wenigen Sekunden möglichst viele Buchstaben in einer halbwegs richtigen Reihenfolge auf der Tastatur zu drücken.

In solchen Foren hat man alle Zeit der Welt, sich über das, was man sagen oder fragen möchte, Gedanken zu machen und es möglichst verständlich zu formulieren.

Um es kurz zu machen: Man muss kein Sprachfetischist sein, um beim Lesen vieler Einträge in diesen Foren von blankem Entsetzen gepackt zu werden. Die Rechtschreibung, der Satzbau, die Verständlichkeit bewegen sich auf einem Niveau, das wirklich jede Befürchtung rechtfertigt. Und das selbst von Mitgliedern in diesen Foren kritisch bemängelt wird - verbunden mit der dringenden Empfehlung, mehr Zeit mit einem Buch als mit dem PC oder der Playstation zu verbringen.

Die Frage nach den Ursachen für die sprachlichen Unzulänglichkeiten führt unter anderem zur Art und Weise jugendlicher Kommunikation - zur Mode der "kurzen Botschaft".

Handy und Internet, SMS und Twitter haben den Informationsaustausch mit Minimalaufwand vielfach an die Stelle des wirklichen Gespräches treten lassen. Eine SMS-Generation. die daran gewöhnt ist, sich auf wa ma du he (was machst du heute), gn8 (gute Nacht) cu (see you = wir sehen uns), thx (thanks = danke), hdl (hab dich lieb) oder BSE (bin so einsam) zu reduzieren, könnte irgendwann vergessen, was ganze Worte oder gar Sätze sind. Im Internet greift diese Sprachverkrüppelung immer mehr um sich.

Das Vorlesen ist nicht jedermanns Sache

Hier offenbart sich auf erschreckende Weise, was Untersuchungen zur Lesekompetenz und PISA-Studien mit nüchternen Fakten vermitteln wollen: Die deutsche Sprache liegt vielfach im Sterbebett jugendlichen Desinteresses und gänzlich anderer Prioritäten.

Die Ursachen dafür liegen Jörg F. Maas zufolge sowohl im Elternhaus als auch in Schulen, im außerschulischen Bereich und in Kindertagesstätten.

Eine Hinwendung zum Besseren scheint ohne gesamtgesellschaftlichen Kraftakt nur schwer möglich zu sein. Dennoch gibt der Mann einen Rat: Studien haben ergeben, dass 42 Prozent aller Eltern, die Kinder im Alter bis zu zehn Jahren haben, ihrem Nachwuchs nicht oder nur sehr selten etwas vorlesen. Eine Zahl, die er als alarmierend empfindet. Verständlich, denn nachgewiesener- maßen haben Kinder, denen regelmäßig vorgelesen wird, eine höhere Sprachkompetenz und ein besseres Vorstellungsvermögen.

Was nur allzu nachvollziehbar ist, denn ebenso wie das Lesen fördert auch das Hören die Fähigkeit zu assoziieren, seine Fantasie zu entwickeln, Bilder im Kopf entstehen zu lassen. Man könnte es aber auch noch ganz anders ausdrücken: Jeder Schatz entsteht durch das Sammeln vieler einzelner Stücke.

Mit dem Wortschatz ist es ganz genauso. Wenn sich Kommunikation auf gesimste Abkürzungen, Smileys und getwitterte Kurznachrichten reduziert, kann daraus nur schwerlich ein Schatz werden.

Eltern, die nicht bereit sind, auf "gesellschaftliche Maßnahmen" zu warten, haben also alle Möglichkeiten, für ihre Kinder einen eigenen Schatz zu sammeln - nicht für den Ruf dieses Landes, nur für die Zukunft ihrer Sprösslinge.

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