Von 1971 bis 1982 moderierte Ilja Richter mit seiner "Disco" die erfolgreichste deutsche Musikshow. Am Ende waren es 133 Folgen. Jetzt ist der 58-Jährige mit der Fernsehshow auf Tournee und gastiert am 13. Mai in der Magdeburger Bördelandhalle. Für die Volksstimme traf sich Torsten Wahl mit dem heutigen Theaterschauspieler, der in einem Café im Prenzlauer Berg die Frau am Tresen zunächst darum bat, den Raum ausnahmsweise nicht mit Musik zu beschallen.

Volksstimme: Bitten Sie eigentlich öfter darum, die Musik abzustellen?

Ilja Richter: Wenn Taxi-Fahrer mich erkennen, drehen sie gern sie Musik auf, vor allem bei Hits aus den 70ern. Ich frage sie dann: Ist das Ihr Lieblingssender? Wenn nicht: Könnten Sie ihn bitte ausschalten? Manche wundern sich dann - ich sei doch ein großer Musikfreund. Ich antworte: Eben darum.

Volksstimme: Obwohl Sie nie auf die Rolle des "Disco"-Moderators festgelegt werden wollten, gehen Sie jetzt mit der Sendung auf Tournee. Warum eigentlich?

Richter: Tatsächlich hatte ich bisher alle Versuche, mich noch mal mit der "Disco" zu ködern, abgelehnt. Aber Stefan Löwen, ein junger bayrischer Tourneeveranstalter, hat mich überzeugt: Diese Show wird durch die Decke gehen! Für mich ist eine Tournee durch große Hallen ja keine Wiederholung, sondern Neuland - und das betrete ich gern.

"Ich wehrte mich gegen jede Vereinnahmung"

Volksstimme: Wie wird die Show ablaufen - Sie empfangen ja weit weniger Gäste als damals in einer "Disco"?

Richter: Neben Harpo, Chris Andrews und Middle Of The Road wird vor allem die Showband Nightfever den Abend mit mir bestreiten. Diese Band hat nicht nur die 70er-Jahre-Hits im Repertoire, sondern spielt auch die Sketche mit mir. Regie führt Ulf Dietrich, ein Theaterregisseur, mit dem ich gerade das Stück "16 Verletzte" am Alten Schauspielhaus in Stuttgart eingeübt habe.

Volksstimme: Was unterscheidet die Disco-Show außerdem von den üblichen 70er-Jahre-Revival-Konzerten?

Richter: Bei Revivals feiern sich die Heros von einst selbst - wir aber blicken mit Selbstironie auf die Jahre zurück. Ich spiele nicht den jungen Ilja Richter, sondern moderiere einen Rückblick ganz aus dem Hier und Jetzt. Das Vorspielen ewiger Jugend finde ich peinlich. Ich färbe mir die Haare nur, wenn es eine Rolle verlangt. Damals hätte ich mir auch niemals ein Glitzerjackett angezogen - heute tue ich es.

Volksstimme: Weil Sie damals in der "Disco" ausschließlich Anzug und Fliege trugen, wurden Sie oft konformistisch genannt...

Richter: Dabei waren der Smoking oder der Anzug in den 70ern das pure Gegenteil von konform! Ich wehrte mich gegen jede Vereinnahmung, habe mich nie als Botschafter meiner Generation gesehen - Jugend allein ist doch kein Wert an sich.

Volksstimme: Mit 16 waren Sie 1969 der jüngste TV-Moderator Deutschlands - in der vergessenen Vorgängershow "4-3-2-1 Hot And Sweet". Wie unterschied sich diese Sendung von der "Disco"?

Richter: Das war der Versuch, Flower Power zu kommerzialisieren. Die Sendung lief am Nachmittag und war auf Jugendliche zugeschnitten - doch das war schon damals nicht mein Focus. Ich wollte breiter streuen, das gesamte Publikum erreichen. Ich habe mich als Komiker gesehen, der alles mögliche parodiert, auch Literatur. Warum sollten nicht antike Dramen in eine Pop-Show passen, natürlich in einer witzigen Mini-Variante? Ich finde es immer belebend, Dinge in ein Terrain hineinzubringen, in das sie eigentlich gar nicht hineingehören.

Volksstimme: Waren die ZDF-Redakteure genauso begeistert von Ihrer Bildungsmission?

Richter: Die wollten zwar auch die gesamte Familie ansprechen. Aber um die Sketche gab es eine stete Rangelei, die meist in einem Deal endeten: Wenn ich die x-te Heino-Parodie machte, durfte ich auch mein Idol Georg Kreisler parodieren. Nur Politisches durfte gar nicht transportiert werden.

"Bestimmt war ich vielen zu anstrengend"

Volksstimme: Werden Sie auch in der "Disco"-Show wieder solche Parodien machen?

Richter: Ich werde einige Parodien machen - aber natürlich keine 25 Kostümwechsel, wie früher in den Sketchen einer einzigen "Disco". Wir hatten damals so schon viele Schnitte in den Kurzfilmen wie später MTV.

Volksstimme: Warum endete Ihre so vielversprechende Karriere als TV-Moderator schon mit der "Disco"? Sie waren 1982 gerade mal 30 Jahre alt.

Richter: Vielleicht war ich für Fernsehredakteure eine anachronistische oder einfach eine ganz fremde Figur. Man blickte auf mich immer wie auf E.T. - ließ die Disco aber laufen, weil die Quoten derart hoch, fast unerklärlich hoch lagen.

Mehr als 20 Millionen Zuschauer erreichen ja heute nur noch die Spiele der Fußball-Nationalmannschaft. Bestimmt war ich vielen zu anstrengend - ich ließ mich eben zu nichts zwingen.

Volksstimme: Wie haben die zwölf Jahre am "Disco"-Pult Ihre Schauspielkarriere beeinflusst?

Richter: Ich hatte nach diesen zwölf Jahren eine riesige Sehnsucht nach einem Ensemble. Am Bremer Schauspielhaus habe ich für einige Zeit solch eine Ersatzfamilie gefunden und mich gern eingefügt - da fragte auch keiner mehr nach der "Disco".

Volksstimme: Sehen Sie heute im Fernsehen viele Leute, die sich auf fremdes Terrain wie Sie einst wagen?

Richter: Ja, natürlich! Ich beneide Comedians wie Anke Engelke, Bastian Pastewka oder Kaya Yanar um ihre Freiheiten. Davon hätte ich vor 40 Jahren nicht mal zu träumen gewagt.

Damals ließen sich die komischen Vögel im Fernsehen noch an einer Hand abzählen.