Also ich weiß ja, es ist eine Untugend - aber: Ich kann nicht warten. Ich bin ungeduldig. Ich halte es kaum aus, auf die Straßenbahn warten zu müssen; und Wartezimmer sind mir ein Graus - egal ob beim Anwalt, bei Behörden oder beim Arzt. Und auch die vier Wochen alten Illustrierten, in denen irgendwelche Dummköpfe vor mir die Kreuzworträtsel schon völlig versaut haben, helfen mir nicht wirklich über die Zeit. Außer neulich beim Zahnarzt.

Da bin ich nämlich in so einem zerfledderten Heft auf etwas Hochinteressantes gestoßen. Auf eine Umfrage. Nun habe ich die meisten Umfragen, inklusive aller sogenannter Sonntagsfragen "Wen würden Sie wählen, wenn morgen Wahlen wären?" - Blödsinn, morgen sind aber keine Wahlen! - bisher für ziemlichen Quatsch gehalten, weil sie doch nur mitteilen, was man schon immer nicht wissen wollte: Dass eine Mehrheit findet, der Kanarienvogel im Hause mache die Katze glücklich, dass die meisten Milliardäre brünette Frauen bevorzugen (na wenn schon!) und dass 80 Prozent der Männer den Hubrauminhalt ihres Autos kennen, aber nur 56 Prozent ihre Blutgruppe (was sonst?). Aber diese Umfrage beim Zahnarzt war anders gestrickt. Diese gab mir Ruhe, Zufriedenheit, ja, geradezu Lebensmut.

Ich las also: Der Umfrage eines renommierten Nürnberger Instituts zufolge sind Männer mit Socken und Sandalen ziemlich begehrt - vor allem bei ostdeutschen Frauen. Im Osten der Republik bevorzugen demnach schon 40,6 Prozent der Frauen Sandalenträger mit Socken, während es im Westen nur 29,5 Prozent sind. Halleluja! Doc, jetzt kannst Du bohren, soviel du willst! Das Leben macht Spaß.

Dazu muss man wissen, dass meine mir Angetraute jedes Frühjahr, das der liebe Gott kommen lässt, in einen ernsten Modestreit mit mir gerät. Ich will auf meine Socken in der Sandale nicht verzichten, sie verweist auf Vogue, Brigitte und ähnliche frauenzentrierte Hochglanzprodukte der Druckindustrie, in denen steht, dass Männer mit Socken in Sandalen igitt sind. Einfach igitt. Man ahnt es: Sie ist eine Wessi. Dafür kann sie ja nun nichts, aber mit ihrer Sockenphobie konnte sie mir schon ganz schön auf die Nerven gehen. Jetzt aber weiß sie es: Socken machen sexy. Jawoll. Jedenfalls hier bei uns. Und ich hielt ihr als Beweisstück die Illustrierte vor, die ich klammheimlich aus dem Wartezimmer - der Doc möge es mir verzeihen, es war Notwehr.

Die Retourkutsche kam prompt und hart. Sie las die Umfrage einfach zu Ende. "Hier steht aber auch", bemerkte sie süffisant, "dass Frauen aus Ostdeutschland zu 53,8 Prozent bei ihren Männern eng anliegende T-Shirts und knappe Badehosen mögen. Die Figur betonend."

Ich hatte mir gerade Boxershorts als Badebekleidung zugelegt. Die Figur versteckend. Wenn mir die alte, enge Badehose wieder passen würde, schloss sie das Kapitel ab, könne man ja auch über Socken in Sandalen reden. Frauen können so lieb sein. Und so grausam. Frauen stehen auf enge Badenhosen - wer will das schon wissen? Ich hasse Umfragen!

Ich ging zu Horst ins Sportlereck, um über Sinn und Unsinn von überflüssigen Umfragen zu sinnieren. Zufällig sah ich hinter die Theke. Horst trug Sandalen. Und Socken. "Was sagt deine Lilo denn zu deinen Socken?" fragte ich Horst. Der schaute die Socken an. Der schaute mich an. "Wat schon? Nischt", sagte er und ich sah ihm an, dass er sich Sorgen um mich machte. Ich hakte nicht weiter nach. Lilo ist eine moderne, tolerante Frau. Sockenmäßig absolut unkompliziert. Eine Ossi eben.