Von Gisela Begrich

Magdeburg. Schauspieldirektor Jan Jochymski richtete den Roman "Durst" von Michael Kumpfmüller für die Bühne ein und setzte ihn auch in Szene. Als das Licht auf der Spielfläche des Studios im Magdeburger Schauspielhaus am vergangenen Freitag erlischt, dauert es einige deutlich greifbare Momente, ehe ein langer Beifall einsetzt, dem man eine große Nachdenklichkeit anspürt.

Eine junge Frau schlägt die Tür hinter sich zu und besitzt nicht die Kraft, sie wieder zu öffnen. In der Wohnung sterben zwei kleine Kinder. Die Frau ist von ihrem Dasein als Alleinerziehende völlig überfordert. Ihre Sehnsucht nach Freiheit und Freizeit gerät zu einem Amoklauf mit gebremster Geschwindigkeit. Die Fallhöhe ist groß, aber der Fall erfolgt verzögert und immer wieder scheint es möglich, den letzten Aufprall zu verhindern.

Ihre Schreie nach Hilfe werden konsequent überhört, ihre Ausreden willig geglaubt, und die Erfüllung, die sie findet, ist nichts als animalische Lust. Die junge Frau verfügt aus sich heraus über keine Mittel, die Situation zu regeln. Nur die Fähigkeit wächst, sich aus jeder misslichen Lage herauszulügen. Ihr Umfeld ist ihr negativ ebenbürtig.

Glaubhaft zeigt Luise Audersch den Zorn und die Erbitterung der Protagonistin, ihre Sehnsucht und ihre sich langsam steigernde Hilflosigkeit. Die Figur der jungen Frau spielt Luise Audersch jedoch nicht allein. Michaela Winterstein unterstützt sie als eine Art zweites Ich, aber ein Ich, welches eine Generation älter ist.

Die Winterstein kommt visuell daher wie der Grauausdruck einer verspielten Zukunft, sie ist das missratene Ergebnis dessen, was die junge Frau mit aller Kraft fern aller menschlichen Sinngebung aus ihrem Leben macht. Als würde sich die junge Täterin nach der Strafabbüßung gegenübertreten. Diese Spiegelung vom eigentlichen Wollen und seinem Resultat beeindruckt durchgängig in der klaren Diktion von Audersch und Winterstein sowie in ihrer körperlichen Präsenz.

Die beiden Frauen, die eine sind und eine gelungene Erfindung der Bühnenfassung, agieren bisweilen in mannigfaltigen Bezügen auf eine choreografische Art, auch mit anderen, in einem geometrischen Feld, das das kindliche Spiel von Himmel und Hölle zitiert. Und tatsächlich explodiert und implodiert auf dieser Fläche auch ein Traum zwischen Himmel und Hölle.

Statt Tränen ist Nachdenken angesagt

Den weiten Bühnenraum, der problemlos alle Handlungsorte fixiert, schuf Jan Freese. Die Kostüme von Christiane Hercher betonen gnadenlos den Umstand, hier handeln Menschen aus den unteren Gesellschaftsschichten, Menschen ohne Privilegien, auch ohne geistige Kraft zur Moral. Eine Befragung jenes Ideals, das da behauptet, jeder könnte Verantwortung in Freiheit bewältigen, und ein Ruf nach Solidarität liegt in der Luft.

Iris Albrecht, Heide Kalisch, Silvio Hildebrandt und Konstantin Marsch geben zahlreiche Personen, die eher skizziert als ausgeführt sind, aber mit großer Genauigkeit in die Szenerie eingebracht werden.

Diese verschiedenen Personen nutzen entweder den Daseinshunger der jungen Frau für ihre Gelüste verantwortungslos aus oder bleiben stehen, wenn sie meinen, einem moralischen Aufbegehren Genüge getan zu haben.

Abgehakt. Aber eigentlich gebärden sich alle Figuren ich-bezogen, entsolidarisiert und fatal ohne Plan. Wir leben, und das wollen wir auch. Basta.

Die theatralische Substanz der Bühnenfassung überspringt den Rahmen einer ausdrucksstarken szenischen Lesung nur vereinzelt. Jochymski vermeidet überbordende Emotionalität und legt den Akzent kräftig auf die inhaltliche Aussage des Buches vom Kumpfmüller.

Hier sind nicht Tränen angesagt, sondern Nachdenken, auch dann noch, wenn der Vorhang im Theater gefallen ist. Denn wenn die Tür im Bühnenhintergrund, aus der hin und wieder gespenstische Klopfzeichen dringen, sich halb öffnet und die Katastrophe auf den Punkt ausgesprochen wird, erhält der Zuschauer die Chance, sich Tür und Fenster im Alltag offen zu halten, um nicht selbst eines Tages teilnahmslos den Absturz eines Nachbarn zu begleiten.