Von Sibylle Peine

Berlin (dpa). Man hatte ihn vor dieser Reise gewarnt. Zu Fuß durch Amerika? Was für eine Schnapsidee. Es drohten: Unüberwindbare Autobahnlandschaften, Straßenkreuzungslabyrinthe, gnadenlose Sheriffs. In Amerika gehe niemand, wirklich niemand zu Fuß: "Man riet mir dringend zu einem Auto, einem Motorrad, ja sogar zu einem Pferd. Ich weiß nicht, sagte ich, ich gehe lieber. Ich war der Amerikadepp."

Wolfgang Büscher machte sich gern zum "Amerikadeppen". Denn er ist ein Reiseschriftsteller der anderen Art. Menschen und Landschaften nähert sich der Reporter der "Zeit" mit altmodischer Langsamkeit. Schritt für Schritt, so wie einst die mittelalterlichen Pilger. Mit wachen Sinnen und dem Blick fürs Detail. So begegnet er Menschen, die ein Pauschalreisender nie zu Gesicht bekommt. Und gerät in Situationen, die verwirrend, bizarr, teilweise grenzwertig sind.

In "Berlin-Moskau" nahm er den Leser mit zu einer manchmal verstörenden Entdeckungsreise in Europas wilden Osten, in "Deutschland, eine Reise" blickte er aus ungewohnter Perspektive auf ein scheinbar vertrautes Land. Nun also Amerika. 3500 Kilometer von Nord nach Süd, von der kanadischen Grenze bis zum Rio Grande.

"Hartland" hat Büscher sein Buch genannt, der Name erinnert an eine Geisterstadt in der Prärie. Aber man kann auch an Herzland denken, die Mitte, das leere Herz Amerikas. Denn nicht an den Rändern lässt sich das Wesen dieses Landes am besten erspüren und einfangen - von der Wall Street im Osten bis zur Golden Gate Bridge im Westen -, sondern hier im oft vergessenen und ignorierten Kernland, den Great Plains. Vom eisigen North Dakota wandert Büscher am Missouri entlang gen Süden auf der Route 77 über Nebraska, Kansas und Oklahoma bis ins sonnenverbrannte Texas.

Die grandiose Weite, ja Öde dieses Landes muss den ans Kleinteilige und Enge gewöhnten Europäer erschlagen: "Immerzu hielt ich Ausschau nach etwas, nach einer Farm, einem Haus, einer Rinderherde, einem Pferd, einem Auto, einem totgefahrenen Hirsch oder Kojoten. Das alles gab es alle paar Meilen, aber es diente nur dazu, die Leere um so vernichtender, um so grandioser zu empfinden, die endlose, baumlose, brettflache Prärie. Wie leer Amerika war!"

Diese Leere und die immer wieder feindliche Natur, eisige Schneestürme und Tornados machen die noch herrschende Grenzer- und Pioniermentalität plausibel. Nachdem der Autor mehrfach vor einem herumstreifenden Berglöwen gewarnt wird, wandelt auch er sich zum Pionier und stattet sich mit einer Knarre aus.

Beim Anblick der Prärie lässt Büscher die Geschichten und Legenden Revue passieren, die längst zum Mythos Amerikas gehören, Erzählungen von goldgierigen Entdeckern, Land suchenden Siedlern und verzweifelt um ihre Existenz kämpfenden Indianern, von Spinnern und Heilssuchern. Noch heute geht hier im Mittleren Westen Freiheit vor Sicherheit und Gleichheit. Hier hat Obama keine Chance. Wozu eine Rentenversicherung? "Wir arbeiten, bis wir alt sind", erklärt ihm seine liebenswerte Zimmerwirtin in Nebraska. "So ist es immer gewesen, und so soll es bleiben."

Und was ist mit denen, die nicht mehr können? "Wir spielen und hoffen, es geht gut." Doch der Autor lernt in diesem Land voller stolzer Individualisten auch viele hilfsbereite und herzliche Menschen kennen, die ihm, den seltsamen Wanderer aus Germany, immer wieder zur Seite stehen. Auch das ist Amerika.

"Hartland" ist ein wunderbar poetisch geschriebenes Buch, sprachmächtig und farbensatt, ein Genuss. Einmal mehr ist dem Wanderer Büscher hiermit ein ganz außergewöhnliches Reisebuch gelungen - für alle Entdecker der Langsamkeit.

Wolfgang Büscher: Hartland. Zu Fuß durch Amerika, Rowohlt Verlag Berlin, 304 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-87134-685-9