Von Hans Walter

Halberstadt. Man nehme: Zwei alte Kastanien und eine Platane als Schattenspender. Ein Nudelbrett von einer Bühne in den Abmessungen sechs mal vier Meter, zwölf Scheinwerfer, ein Orchesterchen mit 15 Musikern und 160 Stühle fürs Publikum. Und fertig ist die charmante Szenerie auf dem für Sommerabend-Vergnügungen neu entdeckten Vorplatz des Nordharzer Städtebundtheaters für die Produktion des musikalischen Lustspiels "Meine Schwester und ich" von Ralph Benatzky. Seit der Uraufführung 1930 im Komödienhaus Berlin ist es eines der wenigen von über hundert Bühnenwerken und von rund 5000 Chansons des Komponisten, die überlebten.

Die Handlung des Zweiakters: Dr. Roger Fleuriot (Ingo Wasikowski) hat einen Job bei Prinzessin Dolly von Saint-Labiche (Bettina Pierags) angenommen. Er soll Ordnung in ihrer Bibliothek schaffen, und nebenbei liebt sie ihn abgöttisch. Er ist aber so schüchtern, dass er sich nicht erklärt, sondern nach Nancy abreisen will, um dort eine Professur zu übernehmen. So greift sie zu einer List: Sie gibt ihm einen Brillantring und einen Brief für ihre vorgebliche Schwester in Nancy mit, die in einem Schuhgeschäft arbeiten soll. Der ungarische Graf Lacy de Nagyfaludi (Klaus-Uwe Rein), der ganz scharf auf die Prinzessin ist, geht leer aus. Inzwischen ist die Prinzessin fix in Nancy eingetroffen. Sie "überzeugt" den Schuhhausbesitzer Filosel (Norbert Zilz) mit einem ansehnlichen Scheck, seine Verkäuferin Irma (Thea Rein) ins Varieté zu entlassen und gibt sich als ihre eigene Schwester aus. Fleuriot verliebt sich prompt in die "Schuhverkäuferin": "Ich lade sie ein, Fräulein, zu einem Glas Wein, Fräulein, zu einem Glas Sekt, Fräulein, zu einem Glas Punsch ..." Warum hat er nicht die Prinzessin gewählt, sondern die liebreizende Angestellte? Die sozialen Gegensätze waren es! Seine Liebe gehört der Verkäuferin in einem Schuhgeschäft, mit 80 Franken Wochenlohn. Beide fallen sich verliebt in die Arme - ebenso Graf Lacy, der sich flugs mit der geschassten Irma tröstet und mit ihr nach Monte Carlo jettet.

Es ist unbeschwerte leichte Kost, die relativ unaufwändig mit sechs kräftigen Sänger-Komödianten, ohne Chor und Ballett, über das Bühnchen geht. Ein paar kleine Wände und Treppen sind Schloss und Schuhsalon. Schauspielregisseur Volker Metzler als Gast (der auch das Bühnenbild und die Kostüme schuf) verzichtet auf Vor- und Nachspiel und inszeniert straff in einer knapp zweistündigen Fassung das Geschehen (Dramaturgie: Susanne Range). Musikalisch leitet Symeon Ioannidis das spielfreudige Orchester vom Klavier aus und entlockt ihm wunderschön transparente Melodien von Tango über Charleston bis Shimmy. Eine wahrhaft "beswingte" Musik! Und sechs Minuten langer Schlussapplaus!

Ein feiner Vorgeschmack auf Ralph Benatzky, der ab Mitte Juni mit "Im weißen Rössl" in der Regie von Rosmarie Vogtenhuber in einer Inszenierung des Nordharzer Städtebundtheaters im Bergtheater Thale, in Harzgerode, Blankenburg und im Wasserschloss Westerburg zu erleben ist.

Auf jeden Fall ist "Meine Schwester und ich" auch etwas für die Wintersaison auf den Kammerbühnen des Nordharzer Städtebundtheaters. Bei aller Leichtigkeit des Seins sei aber das Schicksal Benatzkys nicht vergessen: 1933 ins Exil getrieben, kam er über Wien und Paris nach Hollywood, bis er 1948 in Zürich seine Heimat fand.

Nächste Vorstellungen: Schlosshof Harzgerode am 4. Juni, Theatervorplatz Halberstadt am 11. und 25. Juni, Wipertihof Quedlinburg am 13. und 21. August.