Seltene Kost im Schauspielhaus Magdeburg: Es gibt "Kebab" auf Japanisch. Mit türkischem Grillfleisch hat das Ganze überhaupt nichts zu tun. "Kebab" ist eine Aufführung des japanischen Ensembles "Brecht-Keller" aus Osaka, das in Magdeburg gastiert und zu "Kebab" und Brecht-Gesprächen lädt.

Von Grit Warnat

Magdeburg. Wenn Akira Ichikawa über Bertolt Brecht (1898-1956) erzählt, dann glaubt man, ein gewisses Leuchten in seinen Augen zu erkennen. Seit vielen Jahren beschäftigt sich der Professor an der Osaka University mit dem Werk des deutschen Dramatikers und Lyrikers. Der Germanist und Theaterwissenschaftler übersetzte "Der gute Mensch von Sezuan", "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny", "Die Kleinbürgerhochzeit" ... Akira Ichikawa gilt als führender Brecht-Übersetzer in Japan. Er beschäftigte sich mit der Brecht/Weillschen Zusammenarbeit, organisierte Forschungsgruppen und leitete Symposien zum großen deutschen Literaten.

"In den 60er Jahren, als es eine große Studentenbewegung gab, war Brecht in Japan sehr populär", sagt der Professor. Nur Shakespeare sei mit Blick auf das europäische Theater wichtiger gewesen. Brecht war in Mode. Heute sei das nicht mehr so. Der Mann aus Osaka aber hält an Brecht fest. Auch an Heiner Müller und Volker Braun und Franz Xaver Kroetz. Er übersetzt mit großer Freude, wie er sagt, deutsche Gegenwartsdramatik.

Etwas aus der Reihe tanzt da "Kebab", ein Sozialdrama der rumänischen Autorin Gianina Carbunariu, das jetzt an drei Tagen auf der Studiobühne zu sehen sein wird. Es hatte 2007 an der Schaubühne Berlin seine deutschsprachige Erstaufführung gefeiert. Akira Ichikawa erzählt von dieser damaligen Theateraufführung und seiner späteren Begegnung mit "Kebab"-Regisseur Enrico Stolzenburg. Der Japaner lud den Deutschen ein, Stolzenburg arbeitete in Osaka mit japanischen Schauspielern. "Diese Inszenierung hatte bei uns einen riesengroßen Erfolg erlebt", sagt Ichikawa nicht ohne Stolz. Jetzt wird der Versuch gewagt, das Stück in japanischer Sprache (mit deutschen Übertiteln) erstmals in Deutschland zu zeigen. Das japanische Kultusministerium fördert diesen Versuch.

"Kebab" erzählt die Geschichte von drei jungen Rumänen, die ihre Heimat verlassen haben, um ihr Glück in Irland zu suchen. Es geht ums Fremdsein in der Fremde, ein Gefühl, das Akira Ichikawa kennt – aus seinen Studienzeiten von 1979 bis 1981 an der Humboldt-Universität Berlin. Er erinnert sich an die Aufgeschlossenheit ihm gegenüber, er erinnert sich aber auch an Zurückhaltung und kühle Blicke. "Als ich zurück in meiner Heimat war, habe ich mir Gedanken gemacht über das Verhalten der Japaner gegenüber Ausländern wie Koreanern oder Chinesen, die bei uns leben."

Hier setzt "Kebab" an. Ein Stück, das zum Nachdenken anregen soll – ganz im Brechtschen Sinne. Er wollte genau das mit seinem analytischen Theater.

Akira Ichikawa erzählt mit Begeisterung von den kommenden drei Tagen. Er strahlt. Allzu gern hätte er "Der gute Mensch von Sezuan" des hiesigen Ensembles am Sonnabend im Schauspielhaus gesehen oder wäre beim Weill-Fest in Dessau gewesen. "Leider, leider. Dafür bleibt mir keine Zeit."