Nach vielen Enttäuschungen ist im Wettbewerb der 61. Berliner Filmfestspiele doch noch ein richtig starker Film gelaufen. Der iranische Beitrag "Die Scheidung von Nader und Simin" ist der einzige klare Favorit für den Preis des Goldenen Bären.

Von Torsten Wahl

Berlin. Regisseur Asghar Farhadi, der vor zwei Jahren bereits einen Silbernen Bären gewonnen hatte, erzählt keine rein private Geschichte, sondern gibt einen tiefen Einblick in das soziale Innenleben eines Landes, das in Westeuropa meist nur als islamistisches Regime wahrgenommen wird.

Simin will in den Westen gehen, doch Nader kann ihr nicht folgen, weil er sich um seinen dementen Vater kümmern muss. Die Frau zieht aus, die Tochter bleibt beim Vater. Bald gerät die Familie in einen dramatischen Konflikt mit einer anderen Familie: Nader hatte eine junge, schwangere Frau, die seinen Vater tagsüber pflegen sollte, aus der Wohnung geworfen, weil sie den Alten vernachlässigt hatte. Die Schwangere verliert ihr Kind – und Nader wird vom Mann der Pflegerin des Mordes angeklagt. Jede Figur will das Beste, jeder verschweigt etwas, jeder wird schuldig. Interessant die starke Rolle der iranischen Frauen, die hier keineswegs nur passive Gestalten hinterm Schleier sind. Während die Männer bis aufs letzte miteinander kämpfen, versuchen sie zu vermitteln. Das glänzend gespielte Drama ließ keinen kalt und sorgte für Standing Ovations im Berlinale-Palast.

Nur ein weiterer Wettbewerbsfilm verband annähend gekonnt ein privates Schicksal mit einem brisanten gesellschaftlichen Hintergrund: Der israelisch-britische Film "Lippenstift" handelt von zwei Freundinnen aus Ramallah, die mit aller Macht der Armut ihrer palästinensischen Heimat entfliehen wollen, aber selbst im neuen Leben in London durch traumatische Erlebnisse aneinander gekettet bleiben.

Geradezu lächerlich dagegen die "Probleme" des amerikanischen Films "The Future" von Miranda July: Ein kinderloses Pärchen will eine kranke Katze adoptieren und beschließt, während der Wartezeit auf das Tier noch mal etwas Neues im Leben auszuprobieren. Sie beginnt eine Affäre mit einem Schildermaler und tanzt heimlich in dessen Schlafzimmer herum, er versucht vergeblich, in einer Jute-Weste Öko-Bäume zu verkaufen. In diesem selbstverliebten Katzenquatsch-Movie kämpfte keiner für irgend etwas außer sich selbst. Viel geschossen, gestochen und gerungen wurde im britischen Film "Coriolanus": Regisseur und Hauptdarsteller Ralph Fiennes inszenierte Shakespeares Drama mit modernen Uniformen, Waffen und Medienmaschinerien. Doch all diese Modernisierungen ergaben keine schlüssige Parabel über heutige Auseinandersetzungen zwischen Diktatur und Demokratie, sondern waren meist nur coole Kulisse. Coriolan, der brutale Feldherr, der sich nicht anpassen kann, blieb eine fremde, entrückte Figur.

Anpassung war auch das verbindende Motto der beiden deutschen Spielfilme in der Reihe "Perspektive deutsches Kino". Im Film "Der Preis" kehrt ein erfolgreicher Architekt (Florian Panzner) in seine thüringische Heimatstadt zurück: Er will ausgerechnet jene Plattenbauten umgestalten, in denen er seine Jugend verbracht hatte. Ein durchaus vielversprechender Ansatz, doch die Rückblicke in die DDR der späten 80er Jahre verlaufen leider nur nach einem allzu simplen Schwarz-Weiß-Muster. Der Architekt war in der Schule FDJ-Sekretär und hatte einen früheren Freund verraten – einen aufmüpfigen Punk, der sich daraufhin vor den Zug warf. Der Film von Elke Hauck will nach Aufbegehren und Anpassung fragen, wirkt aber selbst allzu konformistisch.

Von der Anpassung in der Arbeitswelt von heute erzählt Dirk Lütter in seinem Filmdebüt "Die Ausbildung": Ein ehrgeiziger Lehrling eines Callcenters wird von seinem Chef gefördert, soll aber Interna über Kollegen preisgeben, die die Soll-Zahlen nicht mehr erfüllen. Die Kollegen werden entlassen, er wird übernommen. Wie genau und kühl der stille Film das Innenleben eines ganz gewöhnlichen deutschen Büros seziert, das war unangepasster als viele andere Beiträge dieser Berlinale.