1930 in Danzig geboren, verschlug es Egon Sellin über Mecklenburg 1949 schließlich nach Magdeburg. Seiner Wahlheimat blieb er fortan treu. Heute ist er vor allem als Schmuckgestalter bekannt, war aber auch Turniertänzer in der Sonderklasse und betätigt sich nebenher immer noch als Kleingärtner und liebevoller Großvater. Alles seit vielen Jahren gemeinsam mit seiner Frau Gitty. Die Volksstimme besuchte ihn in seinem Atelier in der Fröbelstraße.

Von Jörg-Heiko Bruns

Magdeburg. Nach einem Blick auf die mit neuem Schmuck gefüllten Schubladen sagt Egon Sellin gelassen an seinen Besucher gewandt: "Man muss allen Dingen Raum lassen." Das darf man wohl auch als Beleg von Altersweisheit und seiner immer geübten Toleranz werten. Raum lässt er vielen Dingen und vielen Leuten. So ist er zum Beispiel unermüdlicher Organisator der Abende, zu denen er seine Kollegen zum Aktzeichnen in die Magdeburger Feuerwache einlädt oder zum Zeichnen in das Ballett des Magdeburger Theaters. Und mindestens einmal im Jahr lädt er gemeinsam mit Ulrich Wohlgemuth nach Colbitz zu einem verlängerten Wochenende als Akt-Symposium in der alten Dampfmolkerei ein.

Aber beim Aktzeichnen geht es natürlich nicht nur um das "Raumlassen", sondern um die immer wieder zu schulenden Fähigkeiten des Zeichnens als unabdingbare Grundlage für Kunst. Gewiss, als Schmuckgestalter könnte er auch ohne die menschliche Figur auskommen, aber Egon Sellin gehört zu den experimentierfreudigen und vielseitigen Künstlern, die sich ihr Tätigkeitsfeld nach allen Seiten offen halten. Und Figürliches gab es in seinem Schmuck und bei seinen Objekten natürlich auch schon.

"Man kann keinen Schmuck von gestern machen"

Sein Werdegang verlief fließend und geradlinig. Schon mit 16 ging er zum Studium nach Berlin im französischen Sektor zum Maler Professor Werner Laux an die Käthe-Kollwitz-Kunstschule, machte dann aber, als die Zukunft der Kunstschule ungewiss war, ab 1949 eine Goldschmiedelehre in Magdeburg und bald darauf seine Meisterprüfung.

1956 gründete er die erste Produktionsgenossenschaft der Goldschmiede in Magdeburg, die unter dem Namen "Chrysos" (das griechische Wort für Gold), in die Stadtgeschichte einging. Mit der Aufnahme in den Verband Bildender Künstler 1971 konnte er sich freimachen von sich ständig wiederholenden handwerklichen Arbeiten und stärker seinen kreativen Intentionen, die sich in einem Produktionsbetrieb so nicht erfüllen ließen, nachgehen. Seither hatte er viele Ausstellungen und erhielt Preise bei Schmuckwettbewerben im In- und Ausland.

Auch Schmuckgestaltung reagiert wie jede andere Kunst auf das gesellschaftliche Umfeld und entwickelt sich nicht losgelöst. Egon Sellin muss keine Brillanten-Colliers ersinnen, er kann durchaus mit unedlen Materialien fantasievoll arbeiten. So entstanden unter seiner Hand Collagen aus Halbleiterrelais der modernen Elektronik-Industrie oder aus rostendem Eisen sein Fantasie-Tier Elemantophorus. Nicht mehr der Wert des Materials entscheidet, sondern der Wert der künstlerischen Gestaltung. Und Vieles hängt heute auch vom Mut des Trägers eines zeitgemäßen Schmucks ab. Hier macht der Magdeburger durchaus verschiedene Angebote, eher zurückhaltende und auch vorpreschende, den Mut des Trägers voraussetzend.

"Das Neue bei mir ist die Farbigkeit"

Aufträge, vor allem aus kirchlichen Bereichen wie Tabernakel und Tragekreuz, bereicherten ihn ebenso wie seine Auftraggeber. Und bei all dem ist er Suchender geblieben. "In einer Zeit der neuen Architektur und der Nanotechnik kann man keinen Schmuck von gestern machen", sagt er. Da will er schon versuchen, "moderne Nüchternheit in einen Klang zu bringen".

Zunächst experimentierte er in den letzten Jahren mit selbst eingefärbtem Kautschuk und nun hat er die Kunstharze für sich entdeckt. "Da werden Flugzeuge hochstabil", schwärmt er, "und ich kann mir selber alle Farben mischen." Das erfordert zügiges Arbeiten und Formen, denn die Kunstharze haben auch so ihre Tücken. Er fügt die Teile mit tradierten Materialien wie Silber, Gold oder Palladium zusammen und bietet so mit seinen Schachspiel-Figuren ein interessantes Farb- und Flächenspiel. "Das Neue bei mir ist die Farbigkeit", unterstreicht er mit Genugtuung, wenn er seine mit verschiedenen Grüns oder kräftigem Rot und Schwarz gebauten Anhänger, Ringe oder Broschen vorzeigt. Buntes macht fröhlich!

In diesem Jahr, im Mai, wird er mit seinen Kollegen in der Magdeburger "Feuerwache" die Zeichnungen präsentieren, die während der Proben des Magdeburger Balletts entstanden. Und im Herbst werden seine neuesten Kreationen im "Himmelreich" vorgestellt, wofür er schon heute eine besondere Ausstellungsgestaltung für seine Objekte plant. Dabei schwört er auf Einfachheit, die er im Alter immer stärker betont sehen möchte. "Das Leben ist ein Fluss", sagt er dazu und man darf getrost die Metapher des sich verbreiternden Stromes zur Mündung hin denken und mit dem Reifen und Wachsen eines eigenwilligen Werkes in Verbindung bringen, zum Beispiel wie bei Egon Sellin.

 

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