Mit dem Programm "Berlin im Licht" kam auch das 19. Kurt-Weill-Fest noch einmal ins Strahlen. HK Gruber und das Ensemble Modern gestalteten am Sonntagabend ein mitreißendes Abschlusskonzert im Anhaltischen Theater Dessau.

Von Helmut Rohm

Dessau-Roßlau. Groß möge der Beifall bestimmt gewesen sein, als tatsächlich in Berlin das Licht anging, zu jener Großveranstaltung der Berliner Stadtwerke, zu der Kurt Weill "Berlin im Licht" komponierte. Ob er allerdings viel gewaltiger war als beim Abschlusskonzert bleibt zu bezweifeln.

Der Titel dieses bekannten Foxtrotts aus dem Jahre 1928 war Motto des diesjährigen Festivals und gab dem Abschlusskonzert den Titel. Und er war in der Fassung für Blasorchester, hier im Gesangs-Jazz-Arrangement, das Auftaktstück des gefeierten Fest-Höhepunktes.

Bereits als HK Gruber, längst bekannt und beliebt in Dessau, auf die Bühne fast schon stürmte, brandete Beifall auf. Vorschusslorbeeren? Wenn ja, dann waren sie gut zwei Konzertstunden später wahrlich mehr als verdient.

Dabei war HK Gruber als konzentriert agierender Dirigent wirksam. Er plauderte mit Wiener Charme informativ und gleichsam unterhaltend über Kurt Weill (1900-1950) und Hanns Eisler (1898-1962), die beiden Komponisten des Abends. Und er begeisterte zudem als Chansonnier mit großer ungemein variabler Stimme und nicht minder großen Gesten.

In den engagiert vorgetragenen Texten drängt sich die Aktualität geradezu auf. Ob in der "Ölmusik" von Weill mit "Da fing das Öl an zu brennen ...", im "Lied vom SA-Mann" (Eisler) "Da ließ ich mich kommandiern, und lief blind hinterher", oder in der "Ballade von den Säckeschmeißern", in der es heißt: "Sie werfen den Weizen ins Feuer, sie werfen den Kaffee ins Meer ..." – fast schon erschreckend tagesaktuelle Bezüge werden "als Brückenschlag der Jahre zwischen dem Ersten Weltkrieg und 1933 in die Moderne", so HK Gruber, projiziert.

Dabei stahl er den Mitgliedern des Ensembles Modern keineswegs die Show. Dieses Orchester widmet sich seit 1985 der Interpretation Weillscher Werke wie ebenso der Eislers. Die Musikerinnen und Musiker brillierten in verschiedenen, den Stückpräsentationen kongenialen Besetzungen mit solistischer Professionalität und einem faszinierenden Zusammenspiel. Damit konnten die vielen Nuancen dieser Musik fein ziseliert zur Wirkung gebracht werden.

HK Gruber und das Ensemble "erzählten" ganz verschiedenartige Geschichten und Geschichte. Gemeinsam ist ihnen die gesellschaftskritische Sicht, das oft kämpferische "Empörtsein".

Die Musik kommt daher oft kernig daher, wobei die überwiegende bläserbesetzte Instrumentierung auch sehr einfühlsam die lyrisch-fließenden Passagen stimmig interpretierte. Oft sind in spannender Art und Weise überraschend verschiedene Stimmungen und Gefühlslagen kontrastreich in ein und derselben Komposition vereint. Seltener eingesetzte Instrumente wie Harmonium, Bandoneon, auch die Sirene und ein vielfältig verwendetes Schlagzeug schufen reizvolle Klangbereicherungen.

Die sehr beifallsfreudigen Gäste erlebten Songs und Balladen, darunter Eislers "Ballade von der Krüppelgarde" und seine "Ballade vom Nigger Jim" oder den "Moralchoral des Mr. Peachum" und "Das Lied von der Unzulänglichkeit", beide aus der "Dreigroschenoper" von Weill.

Zum Programm gehörten ebenfalls die Suite für Orchester Nr. 3 op. 26 aus der Filmmusik für "Kuhle Wampe" von Eisler wie die "Kleine Dreigroschenmusik" (für Blasorchester) von Weill. In deren sieben Sätzen verwendet der Komponist zehn Nummern der "Dreigroschenoper" – Beifall über Beifall! Zugaben folgten – erst das "Stempellied" (Eisler/Weber), der "Mackie-Messer-Song" und Eislers "Ideal und Wirklichkeit".

Übrigens: Das Ensemble Modern wird auch 2012 zum Kurt-Weill-Fest kommen.