Wenn sich ein bekennender Atheist und altgedienter Kabarettist vor seinem Auftritt bekreuzigt, lässt das nur eine Schlussfolgerung zu – der Mann ist nervös. Lothar Bölck kann dies – vom Publikum unbemerkt – tun, denn bei der Premiere des neuen Pölitz-Bölck-Programms in der Magdeburger Zwickmühle kommt er von hinten, während Pölitz ihn auf der Bühne ankündigt. Ein überaus erfolgreicher Abend nimmt damit seinen Anfang.

Von F.-René Braune

Magdeburg. Hans-Günther Pölitz hatte den Namen Lothar noch nicht ausgesprochen, da brandet schon der erste Beifall auf. Der Aufforderung, seinen alten Spielpartner nach sechs Jahren Pause "live und wahrhaftig zu begrüßen", kommt das Publikum nur allzu gern und ausgiebig nach. Natürlich hatten die Premierengäste große Erwartungen und die wurden – um es gleich vorwegzunehmen – keinesfalls enttäuscht.

Der Bölcksche Wiedereintritt in die Zwickmühlen-Atmosphäre wird mit einem dramaturgischen Kniefall raffiniert eingeleitet – zwischen den Gästen gestikulierend stellt Bölck erst einmal klar, "dass die Zeiten vorbei sind, Herr Pölitz, in denen ich ihnen hinterherdackele". Sechs Jahre lang habe er ganz Deutschland bespielt, seinen eigenen Weg gefunden und ab heute würde es anders laufen. Dann schüttelt er dutzendweise Hände, damit die Zuschauer ihn endlich mal begreifen könnten.

Das Satire-Duo inszeniert schon zu Beginn ein Spannungsverhältnis, das den ganzen Abend über als Running Gag satirisches Entertainment auf hohem Niveau garantiert. Dankenswerterweise, möchte man sagen, denn das Erfolgsgeheimnis der beiden ist ihr unterschiedliches Rollenverständnis. Pölitz als intellektuell-satirischer Erklärbär, Bölck als witzvernarrter Kalauerfan. In dieser Konstellation spielen sie sich ein ums andere Mal zielstrebig zur drohenden Kollision, die vom Publikum bereitwillig beklatscht wird. Wenn Pölitz zu lange denkt und redet, wird es seinem Partner zu bunt und er streut einen Witz ein: "Was heißt Tsunami auf deutsch? Westerwelle!"

Pölitz sinniert über den Eierwurf auf einen Bundespräsidenten, Bölck fällt ihm ins Wort und beschwert sich, dass sein Mitspieler immer noch gern ein paar Zusatzinformationen einstreuen möchte. Beispielsweise, ob die Eier nun von freilaufenden glücklichen Hühnern oder aus der Massentierhaltung stammen würden.

Pölitz kontert sofort, dass Bölck nie die Zusammenhänge sehen würde, denn schließlich hätte der Eierwurf auf einen führenden Poltiker eine ganz andere Dimension, wenn die tierischen Produkte dioxinverseucht wären. Und deshalb würde das alles so eben nicht gehen: "Bei dir ist es immer das Gleiche, Lothar, Thema kurz anschneiden, Witz, ferdsch." In atemberaubendem Tempo kommen die beiden nahezu übergangslos vom Eigelb des Bundespräsidenten zur Präimplantationsdiagnostik – kurz PID genannt, von der Bölck sofort behauptet, dass sie in Deutschland nie zugelassen werden würde. Überall in diesem Land habe er Schilder mit der Aufschrift PIT-Stop gesehen …

Beide spielen ihre Stärken schamlos aus

Mit solchen Einwürfen gestalten die beiden ein satirisches Baseballspiel – Pölitz wirft den Ball. Bölck schlägt ihn ins Publikum. Oder umgekehrt. Dabei gehen sie mit einer Spielfreude und Leidenschaft zu Werke, die Erinnerungen an jene italienischen Filme aufkommen lässt, in denen man das Gefühl hat, eine ganze Hochzeitsgesellschaft würde gleichzeitig reden.

Das Mit- und Gegeneinander der beiden erreicht gelegentlich fast exzessive Dimensionen, die von rasantem Tempo und zielsicherer Pointierung geprägt sind. Mehr als zwei Stunden liefern sich die beiden Wortgefechte, bei denen sich der Zuschauer nicht selten um den Blutdruck der Akteure sorgt. Brillante Komik paart sich mit treffsicherer politischer Satire, begleitet vom anhaltenden Mut zum Kalauer. Dabei greifen sie gern auf bewährte Programmstrukturen zurück, beispielsweise hält Bölck gleich zwei Reden, die Pölitz zerpflücken kann.

Ein Novum der Regie von Regina Pölitz: Im gesamten Programm gibt es kein Solo. Mehr als zwei Stunden – die Pause nicht mitgerechnet – liefern sich die beiden Wortgefechte unterschiedlichster Couleur – von nachdenklich über witzelnd bis zum Sperrfeuer. Und dabei kann jeder seine Stärken geradezu schamlos ausleben. Bölck brilliert mit seiner unverwechselbar gespielten Wut und Entrüstung, Pölitz in seiner Rolle als Russe Kolja mit geradezu zwerchfellzerreißendem Akzent. Herrlich anzusehen auch eine Szene, bei der in faustscher Reim-Manier Bölck seinem Beichtvater Pölitz gesteht, dass er bei Wahlen stets die falsche Wahl getroffen hat.

Ganz gleich, ob es um Atomkraft, Hartz IV, den Tod des Sozialstaates, die Gier des Kapitals, die zunehmende Armut oder die Pkw-Maut geht – Pölitz und Bölck bieten mit ihrem Programm "Es geht schon wieder los" Hochleistungskabarett, und dies inhaltlich und spielerisch. Dauer und Intensität des Applauses zum Schluss lassen den Schluss zu, dass die Premierengäste es ebenso empfunden haben.

Um im Bild zu bleiben, bleibt eigentlich nur ein Fazit: Der Bölksche Wiedereintritt in die Zwickmühlen-Atmosphäre endete mit einer butterweichen und punktgenauen Landung. Man darf gespannt sein, wie es weitergeht. Haben sich die Königskinder doch noch gefunden?