Stendal. Uraufführung am Sonnabend im Theater der Altmark: Sascha Löschners Bühnenfassung "Der Besuch" nach dem gleichnamigen Roman von H. G. Wells hatte Premiere. Der Autor führte selbst Regie.

Die Handlung ist wundersam und anrührend: Mr. Hillyer, Vikar eines kleinen Dorfes und leidenschaftlicher Vogelkundler, meint einen seltenen Vogel zu sehen. Kurzerhand schießt er ihn vom Himmel herunter. Nur: es ist kein Vogel, sondern ein Engel!

Fluguntauglich wie das verletzte Geschöpf jetzt ist, muss Mr. Hillyer es mit nach Haus nehmen und pflegen. Fortan bringt dieser Engel sehr viel Bewegung in die starre viktorianische Gesellschaft. Wie ein Kind hinterfragt er alles, staunt und wundert sich über die menschlichen Gepflogenheiten.

Die Bewohner des Ortes finden ihn lästig, gar gefährlich. Niemand glaubt, dass er ein echter Engel ist. Niemand, außer dem Vikar. Für diesen ist dieser wundersame Besuch ein Augenöffner. Bei seinen vielen Erklärungsversuchen ergeben sich für ihn neue Perspektiven.

Löschners Adaption dieses Stoffes für die Bühne ist nur teilweise gelungen. Der Spannungsbogen, der zu Beginn aufgebaut wird, dümpelt in vielen Szenen vor sich hin und bekommt erst wieder zum Schluss eine gewisse Dynamik.

Streckenweise hat der Zuschauer das Gefühl, es wird aus dem Roman vorgelesen. So sind die Akteure (allen voran: André Vetters alias Mr. Hillyer) häufig zum Dozieren verurteilt. Was gesagt wird, ist natürlich spannend und wichtig, aber diese Erzählform gehört eher in einen Roman als auf die Bühne.

"Der Besuch" trägt die Bezeichnung Groteske. So sind wohl auch einige Regieeinfälle zu erklären: Langes Dozieren wird von Momenten des Stummfilm-Slapstick abgelöst oder Schauspieler sprechen mit "Häschenakzent" (bekannt aus den sogenannten Häschenwitzen). Insgesamt setzt Sascha Löschner hier auf einen recht derben und anzüglichen Humor.

Das Bühnenbild ist hingegen wunderbar. Christof von Büren hat nur mit Brettern – wenn auch nicht die ganze Welt – so doch ein Dorf, Häuser und Landschaft erschaffen. Die Schauspieler stecken in Kostümen, die an verschiedene Tiere erinnern und deren Charakter widerspiegeln. Nur das Hausmädchen (gespielt von Frederike Duggen) ist gekleidet, wie Mann sie anscheinend sieht: sexistisch minimalistisch.

Doch weder die Ausstattung, noch die wenigen, wirklich witzigen oder anrührenden Szenen, noch die eigentlich durchweg guten Schauspieler können diese Inszenierung davor retten, zu langatmig zu sein.

Nur ganz am Schluss der Aufführung kommt wieder etwas Spannung ins Spiel. Anders als in der Romanvorlage von Wells endet das Bühnenstück düster und traurig. Der Engel (Jan Kittmann) wird immer mehr zu einem Menschen. Also zu jemanden, der anderen Schmerz zufügt. Kittmann wandelt sich hier sehr glaubwürdig von dem großen Kind, das mit staunendem Blick durch die Welt geht, zu einem brutalen jungen Mann, der auch vor einem Mord nicht zurückschreckt.