Von Liane Bornholdt

Schönebeck. Es ist eine große Kunst, solche Konzertprogramme zusammenzustellen, die neben den beliebtesten Repertoirestücken wohldosiert auch Neuigkeiten und manche Überraschungen bereithalten. Das 6. Anrechtskonzert der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie Schönebeck hielt eine solche Überraschung bereit.

Unter der Leitung des Gastdirigenten Wolfgang Kupke stand zuerst Mozarts gar nicht so oft gespielte Sinfonie Nr. 39 Es-Dur KV 543 auf dem Programm. Sie ist die erste der drei letzten Sinfonien und entstand im Sommer 1788 in wenigen Wochen, in denen auch die g-Moll-Sinfonie, die "Tragische" und die beliebteste unter den Mozartsinfonien, die "Jupitersinfonie", komponiert wurden. Von der Trias ist diese die Sperrigste, ein Werk, das sehr verschiedene musikalische Gestalten miteinander verknüpft.

Wolfgang Kupke begann die Adagio-Einleitung schwergewichtig mit viel Energie, so dass die Feinheit der französischen Ouvertüre, mit der Mozart hier spielt ein wenig gravitätisch daherkam. Sehr schön aber wie bereits im zweiten Satz Leichtigkeit und Eleganz zu hören waren, bevor im zauberhaft tänzerischen Menuett alle Erinnerung an den schwermütigen Beginn getilgt wurde.

Im Allegro-Finale gelang es Dirigent und Musikern, eine stimmige Balance zwischen kraftvollem Ausdruck und wunderbarer Beweglichkeit zu finden. Am Ende eine gelungene Mozart-Sinfonie, die auch deshalb interessant war, weil ihre widersprüchlichen Momente nicht geglättet wurden.

Nach der Pause war ein sehr eigenartiges Werk zu erleben. August von Othegraven (1864 bis 1846) hat aus dem berühmtesten Zyklus des Kunstliedes, Franz Schuberts " Winterreise" op. 89, zwölf Lieder ausgewählt und diese für Orchester und Singstimme gesetzt. Othegraven ist heute höchstens Chorsängern ein Begriff – es gibt eine Chor-Medaille nach seinem Namen, und von seinen zahlreichen Kompositionen ist eine einzige populär, das Lied "Der Jäger aus Kurpfalz". Es gibt gewiss zahlreiche Komponisten, die zu Unrecht vergessen sind, ob August Othegraven zu denen gehört, könnte zumindest fraglich bleiben.

Er ist an Schuberts "Winterreise" als sehr volkstümlicher oder volkstümelnder Romantiker herangegangen. Mit breitem Streicherklang und schmeichelndem Legato beginnt das Vorspiel zum ersten Lied des Zyklus "Gute Nacht".

Als Sängerin hat sich die Mezzosopranistin Annette Markert an diese Winterreisen-Variation gemacht und natürlich damit eine Annäherung an Schuberts ergreifenden Zyklus gewagt. Sie ist oder musste auf den sehr romantischen Tonfall dieser Orchesterfassung eingehen und sie hat auch in den Folgeliedern, "Die Wetterfahne", "Der Lindenbaum", "Rückblick" und "Frühlingstraum"… bis hin zu "Mut" und dem abschließenden "Leiermann", bisweilen einen ergreifenden Ausdruck gefunden.

Gesanglich zeigte sie durchaus die Fähigkeit, den Geist von Schuberts "Zyklus schauerlicher Lieder" zu finden. Allerdings haben die zum Teil grellbunten Orchesterfarben verbunden mit meist sehr raschen und damit zu munteren Tempi und vielen sehr simplen Klangmalereien, wie fetten Hörnerklängen oder munter flötenhell tirilierenden Vogelstimmchen, es unmöglich gemacht, Schuberts Notentext und Subtext gültig darzustellen. Dazu fehlte natürlich in Othegravens Liederauswahl auch die rechte Dramaturgie des Zyklus.

Mit Schuberts Winterreise hat diese Fassung etwa so viel zu tun wie Silchers Lindenbaumversion mit Schuberts Original. Es war ein interessantes Experiment. Zur Wiederholung muss es nicht empfohlen werden.