Als "Der Held der westlichen Welt" 1907 in Dublin uraufgeführt wurde, sollen vor dem Theaterhaus Straßenschlachten getobt haben. Es war einer von diversen Skandalen, die Autor John Millington Synge seiner Zeit fabrizierte. Heute weist jeder Schauspielführer Synge als einen der bedeutendsten irischen Dramatiker aus. Besagtes Stück ist ein Klassiker, wird jedoch selten gespielt. Am Theater der Altmark feierte am Wochenende eine gelungene Inszenierung Premiere.

Stendal. Erzählt wird die groteske Geschichte um einen Helden, der keiner ist, die Geschichte eines vermeintlichen Vatermörders und seiner Bewunderer. Das konservative Publikum ging vor mehr als 100 Jahren auf die Barrikaden, weil es im Stück irischen Heldenmythos verunglimpft und die Nation verhohnepipelt sah. Auch krasse Schimpfwörter im Text erregten Anstoß.

Regisseur Hannes Hametner hielt sich an die Übersetzung von Anna Elisabeth Wiede und Peter Hacks, die als feinste Übertragung des Werkes ins Deutsche gilt. Die Inszenierung lässt die poetische Sprache voller Witz und Scharfsinn nahezu unberührt. Sich auf ihren Klang einzulassen, ist Theatererlebnis allein.

Das Bühnenbild von Christopher Melching versetzt in eine Kneipe in einem irischen Küstennest. Holzgetäfelter biederer Charme, an der Wand aneinandergereihte Stühle mehrerer Fabrikate, ein Kamin. Dialoge, Erscheinungsbild der kauzigen Figuren und durch eine Leinwand schimmernde "Schattenspiele" beleben die Fantasie, wie es "draußen" aussehen mag: endloses, raues Meer an schroffer Küste, Regen und Matsch, vor dem Haus grasende Viecher. Kein leichtes Leben. Kein aufregendes Leben.

Doch dann wird es aufregend. Ein junger Fremdling kommt in die Kneipe und stammelt, seinen scheußlichen Vater erschlagen zu haben. Nun ist es nicht so, dass die Dörfler entsetzt auseinanderstieben, nein, ein Held ist angekommen! Kontrast: Sören Ergang zeigt einen erbarmungswürdigen Jämmerling in abgewetzten Klamotten, frierend und ausgehungert, verkrampft die Joppe zuhaltend, sich ängstlich in die Ecke kauernd. Doch egal. Der kollektive Wille, einen Helden vor sich zu haben, ist stärker.

Die Männer teilen brüderlich den Schnaps mit ihm. Michel Haebler und André Vetters spielen herrlich witzig und unübertrieben die hoffnungslosen Suffköppe. Gleich mehrere Damen buhlen um die Gunst des Mörders. Wer so viel Wildheit in sich trägt, auf den ist jede scharf. Da ist die Witwe in Gummistiefeln, die Claudia Lüftenegger als schlaue Strippenzieherin verkörpert. Da sind die drei Jungen, deren bebende Hormonschübe Susanne Kreckel, Maike Knirsch und Giulia Weis in ein "Vatermörder"-Ständchen münden lassen. Sie liebkosen gar die stinkenden Schuhe des Verbrechers. Die Favoritin im Wirrwarr schießt ihren Freund ab, um sich mit dem Wilden zusammentun zu können. Frederike Duggen spielt die Frau, die weiß, was sie will bzw. nicht will – einen wortkargen Langweiler. Jan Kittmann spielt ihn als einen, der nicht wissen kann, was er eigentlich falsch macht.

Der Held lässt sich beschenken und bewundern und bezirzen. Sören Ergang zeigt, wie gut es tut, sich in Anerkennung zu sonnen. Der anfangs scheue Tunichtgut hat bald Sieger-Posen drauf. Blöd nur, dass Papa (Bernd Marquardt als stoischer Tyrann) in der Kneipe aufkreuzt - mit lädiertem Schädel, aber sonst mopsfidel. Die Stimmung kippt. Das war’s mit dem Helden(tum).

Das geneigte Publikum darf sich mit der Heldenfrage kritisch auseinandersetzen. Warum lechzt der Mensch nach Rittern, Draufgängern, Siegern, Idolen, Stars und Teufelskerlen? Gilt es, sich von eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken, jemand anhimmeln zu können, sich aus dem Profanen des Daseins zu träumen? Jede Gesellschaft macht diejenigen zu "Helden", die sie verdient? Den Gedanken freien Lauf.