Die Staffeleien stehen noch da, das letzte – unfertige – Werk auch. Vor sieben Jahren ist der Maler Werner Tübke gestorben, doch sein Atelier ist noch lebendig und wird immer wieder sonnabends besucht.

Von Sophia-Caroline Kosel

Leipzig (dpa). Jeden Morgen um Punkt 7.30 Uhr stieg er die Holztreppen ins Dachgeschoss hinauf, um seiner Leidenschaft zu frönen. Erst um 18 Uhr verließ Werner Tübke, Altmeister der "Leipziger Schule", seinen Arbeitsplatz wieder; abgesehen von einem einstündigen Mittagsschlaf. "Mein Mann liebte das Atelier", berichtet seine Witwe Brigitte Tübke-Schellenberger (79).

Heute vor sieben Jahren starb der Maler kurz vor seinem 75. Geburtstag. Sein Atelier aber gibt es immer noch. Jeden Sonnabend ist es geöffnet. Eine Stiftung pflegt das Erbe des Künstlers. Dessen Witwe selbst führt Besuchergruppen aus nah und fern durch das Reich ihres Mannes und hat viele Anekdoten parat.

"Er hat von früh bis abends Radio gehört. Deutschlandfunk. Aber nur "Wort", Musik hat er weggedreht", berichtet die agile dritte Ehefrau des emsigen Malers, der während der Arbeit auch gerne Pfeife rauchte. Der Tabakgeruch ist längst aus dem Atelier verschwunden, aber Staffeleien und Pinsel stehen noch da. Auch sein letztes, unvollendetes Werk – ohne Titel – ist zu sehen.

"Tübke schuf rund 350 Gemälde, 19 davon sehen Sie hier in den Räumen der Stiftung", erzählt die Kunstwissenschaftlerin Annika Michalski einer Besuchergruppe. "Er hat auch täglich gezeichnet, sagte über sich "Ich habe als Zeichner angefangen und werde auch als Zeichner aufhören." Dutzende dieser Blätter sind in einem Raum zu sehen, der einst die Hausmeisterwohnung war.

Die Besucher lernen dort den detailverliebten Maler auch als Sammler kennen. Er brachte es auf rund 3000 Feuerzeuge, hortete außerdem Taschenmesser, Plastik-Aschenbecher aus anderen Ländern und allerlei Figürchen.

Eine Auswahl davon ist in Vitrinen zu finden. "Manches ist wertvoll, aber das meiste ist Tinnef", sagt die Malerwitwe zu dem Sammelsurium. "So seltsam es anmuten mag: Für ihn waren diese Dinge wichtig, als Inspiration", meint Michalski. Auch Reste der umfangreichen Kunstbuch-Bibliothek stehen im Regal.

"Leipziger Schule" im ersten Stock

"Mein Mann wollte, dass all seine Werke zusammenbleiben", sagt die Witwe. Daher wurde ein Teil des Nachlasses in eine Stiftung übergeben. Das persönliche Archiv mit Dokumenten, Reproduktionen und Ausstellungskatalogen hatte er schon zu Lebzeiten dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg übereignet. 1977 hatte das Ehepaar Tübke die Jugendstilvilla bezogen. Als der Maler starb, zog seine Witwe in eine kleine Wohnung in der Innenstadt – und das dreistöckige repräsentative Wohnhaus wurde komplett zu einem Domizil der realistischen Kunst.

Tübkes Frankfurter Galerist Karl Schwind verlagerte nach 16 Jahren am Main 2005 seinen Hauptsitz ins Erdgeschoss der Villa. Er zeigt Werke der "Leipziger Schule" und des kritischen Realismus. Das einstige Wohn- und Esszimmer mit stuckverzierter Decke und Parkett ist das Herzstück der Galerie.

Seit einem Jahr zeigt der Frankfurter Kunstsammler Fritz P. Mayer im ersten Stock Werke der "Leipziger Schule". Der Textilfabrikant sammelte zunächst Werke des 19. Jahrhunderts. Nach dem Fall der Mauer wandte er sich der gegenständlichen Leipziger Malerei zu. Wie Schwind hat auch Meyer natürlich Tübke in seinem Repertoire.