Von Helmut Rohm

Dessau-Roßlau. Die Dresdner Staatsoperette, die sich der Wiederentdeckung und Produktion von Radiomusiken verschrieben hat, präsentierte auf dem Kurt-Weill-Fest am Sonntagabend im Anhaltischen Theater Dessau unter der musikalischen Leitung von Ernst Theis "Leben in dieser Zeit".

Es gibt sicher viele Zeitzeugen aus den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts. Auch das Radio hatte sich mehr und mehr etabliert. Musik, auch Hörspiele, eroberten die Rundfunkwelt. Ein Schlüsselwerk ist "Leben in dieser Zeit", das Erich Kästner erstmals 1929 dem Schlesischen Funkstudio in Breslau angeboten hatte. Kästner schuf die Texte, der Komponist Eduard Nick steuerte die Musik bei. Ursprünglich war Weill die Vertonung angetragen worden, der sich jedoch gerade mit "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" ausgelastet sah und sie deshalb Nick empfahl.

Diese "Lyrische Suite in drei Sätzen" präsentierte die Staatsoperette Dresden mit opulenter Personage: großes Orchester, Chor, ein Herrengesangsquartett, ein vierstimmiges Dialogteam, eine Chansonette, ein Sprecher – und Kurt Schmidt.

Der Sprecher stellte seinen Dialogpartnern den Herrn Schmidt als einen kleinen Büroangestellten vor, einen "normalen Menschen", der mit dem "modernen Leben" der Großstadt so seine Sorgen hat.

Der Menschenbeobachter Kästner fasste kleine und große Sorgen, Nöte und Schwächen, Gedanken über Sinn und Unsinn im Leben in Lieder und Songs, auch in Appelle und ein Schluss-Stoßgebet. Eduard Nick komponierte eine vielfarbige themenbegleitende Musik, einen wohl zu hörenden Mix aus harmonischen Klängen, tänzerischen Melodien, jazzigen Rhythmen ... – hin bis zum Schreibmaschinengeklapper.

Sprecher Marcus Günzel plauderte mit seinen Dialogpartnern über dies und jenes der Zeit. Lebensphasen präsentierten sich in insgesamt 19 Programmpunkten. Chor (Einstudierung Thomas Runge) und das Herrenquartett (Ernst Frank, Marcus Günzel, Gerd Wiemer, Herbert G. Adami) mit einzelnen Solisten sowie die faszinierende Chansonette Elke Kottmair boten unterhaltsam und kurzweilig humorvolle wie nachdenklich stimmende gesungene Antworten und Standpunkte zu den Fragen des "Lebens in dieser Zeit".

Die begeisterten Gäste erfuhren von der "möblierten Moral" und der "Elegie des Waldes", erlebten unter anderem Widersprüchliches in einem Wiegenlied aus der Sicht eines Vaters, einen Song vom verlorenen Sohn mit dem fast verzweifelten Wunsch einer Mutter, "... am besten, die Kinder blieben klein".

Auf die Abschlussfrage: "Hat das alles eigentlich Sinn?" skandierten Kurt Schmidt und Chor: "Denkt an die anderen, die nach euch kommen. Denkt an sie!"