Mit einer sehr lebendigen Ausstellung wartet der Wernigeröder Kunst- und Kulturverein e.V. in seiner Galerie im Ersten Stock auf. Volker Küster zeigt in "Zählen, Messen, Teilen" Objekte aus Eisen, Holz und Karton. Sie sind bis zum 8. Mai zu sehen.

Von Jörg-Heiko Bruns

Wernigerode. Volker Küster, 1941 in Wernigerode geboren und bis zu seiner Ausreise 1984 als einer der hoffnungsvollsten Buchgestalter und Typographen der DDR geltend, bekam 1982 eine Goldmedaille der Internationalen Buchkunstausstellungen Leipzig und gestaltete zahlreiche "Schönste Bücher" der DDR. Seine nach 1984 entwickelte Satzschrift "Today Sans Serif" steht auf der Liste der 100 schönsten Schriften der Welt. Von 1989 bis 2006 lehrte er als Professor für Schrift und Typographie an der Universität Essen. Seit er im Ruhestand ist, hat er sich wieder ganz der freien Kunst zugewandt.

In der Einladung zur Ausstellung liegt ein schmaler roter, mit einzelnen Wörtern bedruckter Papierstreifen. Unter der Überschrift "Schublade auf" finden sich 22 Stichwörter wie: abstrakt, dekorativ, konkret, konzeptionell, numerisch, suprematistisch, rational. Alle Attribute treffen irgendwie auf die Kunst Volker Küsters zu und fast immer könnte man dem ein "Aber" anfügen. Das öffnet die Kunst und belegt ihre Vielfalt.

Küster stellt in Wernigerode Objekte aus gegossenem Eisen, aus Holz und Karton und Zeichnungen und Kartonschnitte aus. Sein Credo heißt "Zählen, teilen, gliedern, ändern, wählen, messen, ordnen, vergleichen, trennen, prüfen". Er umschreibt damit auch seine Arbeitsweise. Das betrifft vor allem die Arbeiten, die der Konkreten Kunst zuzuordnen wären und nicht ohne Mathematik auskommen. Sie sind auch in der Methodik etwa der konkret-konstruktiven Kunst eines Hermann Glöckner sehr nahe.

1997 stellte der Künstler schon einmal in der Wernigeröder Galerie aus. Damals waren auch seine ersten Eisengüsse zu sehen, die er seit 1994 ausschließlich in der Ilsenburger Fürst-Stolberg-Hütte gießen lässt. 2011 wartet er mit neuen Arbeiten auf. Seine schweren Eisentafeln "Ja" und "Nein" oder "Papa" und "Mama" haben eine gestalterische Leichtigkeit, hinter der die 40 Kilo Gewicht schnell vergessen sind. Küster arbeitet gern mit Gegensatzpaaren und kommt immer wieder wie mit solchen Tafeln auf seine glanzvolle typographische Arbeit zurück. So, wie er immer mit Schriftzeichen umging, erfindet er neue Zeichen, die er in den Sand der Gießerei zeichnet und dann gießen lässt.

Besondere Art von Lebendigkeit

Unruhiger, weil oft von stachliger Natur, sind andere Objekte wie das mehrteilige "Wilde Spielzeug". Gefangen hinter kreisrundem Gitter liegen in einem Teil drei Kugeln, zwei davon aus Holz. Auch ihnen sind Wörter wie "Anfang Ende" oder "oben, unten, rechts, links, hinten, vorn" eingraviert. Die eiserne Kugel steht für "Lust und Pein". Ein weiteres Gitter, oben wieder mit wehrhaften Stacheln versehen, ließe durch Überstülpen die Gefangenschaft der Kugeln dauerhaft sichern. Auch diese Skulptur eine Metapher, ein Zeichen.

Wie "Wildes Spielzeug" sind weitere Eisenskulpturen in einem aus rohen Bohlen genagelten Regal zu sehen. Hier können sich die Durchblicke und Draufblicke in besonderer Weise entfalten und verschaffen der Installation eine besondere Art von Lebendigkeit.

Mathematisch-konstruktiv entstehen Küsters oft farbige Holzskulpturen. Vor allem bei den ausklappbaren Stäben fühlt sich der Betrachter durchaus an Zeichnungen des Suprematisten El Lissitzky erinnert, während seine mehrschichtigen und veränderbaren Papierschnitte sich in den Gefilden der Konkreten Kunst bewegen. Dies war übrigens schon 1982 in seinen Entwürfen für die IBA "Neue Buchformen und Experimente" und Entwürfen zu Büchners "Woyzeck" deutlich angelegt. Küster hat sich hier Felder eröffnet, die sich konsequent und ohne Brüche von seiner typographischen Kunst zu seinen heutigen Objekten und Blättern entwickelt haben. Und schließlich führt er uns in seinem Katalog "Ziffern wählen, Worte zählen" mit Zeichnungen und Skizzen in seine Arbeitsweise ein und liefert mit seinen kleinen unterhaltsamen Reimereien auch noch Beispiele visueller Poesie.

Der Besucher wird sich dem Vergnügen des "Zählen, Messen, Teilen" nicht entziehen und seine eigene Sicht auf die Zeichen Küsters entwickeln. Was will bildende Kunst mehr?

Galerie im Ersten Stock, Marktstraße 1, ist dienstags bis freitags von 14 bis 17 Uhr, sonnabends von 11 bis 17 Uhr und sonntags von 14 bis 17 Uhr geöffnet.