Als Karen Duve eine 2,99-Euro-Hähnchen-Grillpfanne in den Einkaufswagen legen wollte und ihre Freundin aufschrie, änderte sich ihr Leben und sie fragte sich: Darf man Tiere essen? Die Autorin ("Taxi") testete Ernährungsweisen bis hin zum Frutarischen. "Ein Selbstversuch" ist ihr Buch "Anständig essen" (Verlag Galiani) überschrieben, das monatelang auf der Spiegel-Bestsellerliste stand. Grit Warnat hat mit der auf dem brandenburgischen Land lebenden Schriftstellerin gesprochen, die kein Fleisch mehr isst.

Volksstimme: Eines vorweg, Sie haben es bei diesem Gespräch mit einer Fleischesserin, einer Eier- und Käsefreundin zu tun. Ein Problem?

Karen Duve: Nein, sonst hätte ich ja ständig Probleme. Es kommt darauf an, wie nah mir jemand ist. Wenn es jemand ist, den ich sehr mag, den ich gut kenne und respektiere, dann fällt es mir auf die Dauer schon schwer, mich zurückzuhalten.

Volksstimme: Freut es Sie, dass ich heute, nach dem Lesen Ihres Buches, am Fleischstand manchmal ein schlechtes Gewissen bekomme?

Duve: Das schlechte Gewissen allein nützt ja nichts. Aber es würde mich freuen, wenn die Leute, die gern Fleisch essen und das gar nicht lassen können und wollen, wenigstens zu Bio-Fleisch greifen. Und wenn die Bio-Fleisch-Esser dann auch noch ihren Konsum reduzieren würden. Wenn sich jeder einen kleinen Ruck gibt, wären wir auch schon einen Schritt weiter.

"Mir ging es um die Gesundheit der Rinder und Schweine"

Volksstimme: Haben Sie eine Mission? Oder ging es Ihnen um sich selbst, um den eigenen Cholesterinspiegel, um den Selbstversuch?

Duve: Ich würde schon gern missionieren – leider funktioniert das nicht. Aber mir ging es auch nicht um meine eigene Gesundheit, sondern um die Gesundheit der Rinder, Schweine und Hühner.

Volksstimme: Sie beleuchten in Ihrem Buch, was man sich auf Kosten anderer, auf Kosten der Tiere gönnt. Sie schreiben sehr witzig, aber vor allem radikal.

Duve: Ich habe viel recherchiert, und heute weiß ich, dass unser Fleischkonsum, vor allem in der Menge, in der wir Fleisch essen, wirklich verheerende Konsequenzen hat – für die Tiere, die Umwelt, und durch die Vermarktungsstrategien auch für die Märkte von Entwicklungsländern. Da muss man radikal schreiben.

Volksstimme: Ist es nicht naiv zu denken, Sie können die Menschen in ihrem Einkaufsverhalten ändern?

Duve: Wieso denn? Die Leute sind ja nicht dumm. Und es gibt viele gute Gründe, dem, was man sich in den Einkaufskorb packt und was man isst, mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Aus Nahrung entsteht schließlich unser Körper, unsere Leistungsfähigkeit und unsere Fähigkeit zu denken. Mehr Respekt gegenüber unserer Nahrung bedeutet auch mehr Respekt gegenüber uns selbst.

Volksstimme: Aber dem Verbraucher wird diese bewusste Entscheidung nicht leicht gemacht. Er fühlt sich im Unwissen gelassen und ist oft verunsichert.

Duve: Der Verbraucher ist absolut überfordert. Es sollte möglich sein, verantwortungsvoll einkaufen zu können, ohne vorher ein Ethikseminar, einen Kurs über Klimaerwärmung oder Veterinärmedizin belegen zu müssen. Niemand will die Wahlmöglichkeit haben zwischen Fleisch aus artgerechter Haltung und Fleisch von gequälten Tieren. So ein Fleisch dürfte gar nicht erst in die Supermärkte gelangen, genauso wenig wie T-Shirts, die von Kindern hergestellt worden sind. Wenn man es nicht weiß, greift man natürlich zu dem, was am billigsten ist. Und da sind wir bei den Kontrollen. Hier ist die Politik gefragt.

"Es geht um mehr als um liebgewonnene Traditionen"

Volksstimme: Wir alle kennen Bilder von Schlachthöfen, Massentierhaltung, Tiertransporten, wirklich sehen wollen wir das nicht. Warum?

Duve: Weil es weh tut, das zu sehen. Aber ich glaube, es gibt inzwischen eine größere Bereitschaft, sich zu informieren und auch gegen Massentierhaltung auf die Straße zu gehen – wie man ja beim jüngsten Dioxin-Skandal sehen konnte.

Volksstimme: Essen ist Kulturgut nicht nur in Frankreich. Berlin steht für sein Eisbein, Thüringen für die Bratwurst, Bayern für den Leberkäse. Kann Essen für Sie Kulturgut sein?

Duve: Essen ist ein Kulturgut. Aber wir würden es ja auch nicht zulassen, dass für das Kulturgut Theater auf offener Bühne Tiere gequält werden – warum sollten wir es also beim Essen anders halten?

Volksstimme: Sie haben sich mit ihrem literarischen Selbstversuch immer weiter vorgetastet. Anfangs haben Sie sich biologisch-organisch ernährt, dann vegetarisch und vegan, zum Schluss sogar frutarisch. Wie schwierig war es für Sie, auf Essgewohnheiten zu verzichten?

Duve: Das Schwierigste waren immer die ersten drei Wochen, das Umstellen der Gewohnheiten. Das ist auch heute noch das Schwierigste. Ich leide als Vegetarierin ja keinen Mangel, aber ich vermisse das eine oder andere Lieblingsgericht von früher. Damit ist mir ein Stück Heimat verloren gegangen. Aber es gibt nun einmal wichtigere Dinge, als liebgewonnene Traditionen.

"Fleischkonsum und Klimaerwärmung hängen zusammen"

Volksstimme: Können Sie sich vorstellen, dass es einmal eine Gesellschaft gibt, in der sich die Masse vegetarisch ernährt wie Sie?

Duve: Das wäre schön, aber ich halte es nicht für wahrscheinlich, dass es in nächster Zeit passieren wird. Aber ich könnte mir vorstellen, dass wir in den nächsten fünf, sechs, sieben Jahren unseren Fleischkonsum halbieren. Und das nicht, weil wir denken, ach die armen Tiere, sondern aus ganz handfesten, egoistischen Gründen: Fleischkonsum und Klimaerwärmung hängen direkt miteinander zusammen. Wenn wir einfach so weiter machen wie bisher, werden die Folgen katastrophal und nicht wieder rückgängig zu machen sein. Ob Atomkraftwerke oder das Erdklima – Fehler können wir uns nicht leisten. Und deswegen dürfen wir da auch keine Risiken eingehen.

Volksstimme: Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg ist steinig und schwer, zitieren Sie Xavier Naidoo. Wie steinig ist der Weg für Sie heute, ernährungstechnisch gesehen anders zu leben?

Duve: Es wird immer leichter. Aber zugegeben: Es gibt immer noch Momente, in denen ich schwer seufzen muss. Meistens in Restaurants, wenn der Teller meines Gegenübers einfach attraktiver aussieht. Aber wenigstens wird man als Vegetarierin heute nicht mehr als Spinner abgestempelt. Heute höre ich immer öfter: "Ach, ich esse auch schon viel weniger Fleisch. "

Volksstimme: Würden Sie den Weg noch einmal gehen?

Duve: Ich habe wirklich nicht geahnt, was da alles auf mich zukommt, ich habe gedacht, ich käme leichter davon. Aber dafür ernähre ich mich jetzt so, wie es meinem Wertesystem entspricht. Das empfinde ich als Gewinn – auch wenn es manchmal Verzicht bedeutet. Und ja – ich würde es wieder tun.