Berlin (dpa). In ihrem Buch "Herzanker" präsentiert die Berliner Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Gertrud Lehnert 13 Biografien von Dichterinnen aus sechs Jahrhunderten, beginnend mit der Renaissance-Lyrikerin Vittoria Colonna bis zu der 1939 geborenen Margaret Atwood, die den meisten heute eher als Romanautorin bekannt sein dürfte. Es sind Porträts außergewöhnlicher Frauen, die teilweise unter widrigsten Umständen ihrer Berufung folgten, oft in finanzieller Abhängigkeit lebten, unter der Kontrolle von Familie, Kirche und Gesellschaft.

Erst im 20. Jahrhundert konnten Dichterinnen sich eine größere Freiheit erobern. Doch auch eine Else Lasker-Schüler, eine Ingeborg Bachmann oder Sylvia Plath hatten es nicht leicht, sich in der literarischen Männerwelt durchzusetzen und machten diesen alltäglichen Kampf auch zum Thema in ihren Werken.

Im 17. Jahrhundert war es der katholischen Kirche noch möglich, eine kluge Frau wie Sor Juana Ines de la Cruz zum Schweigen zu bringen. Die hochbegabte Gesellschaftsdame hatte sich in ein Kloster in Mexiko zurückgezogen, um keine Ehe eingehen zu müssen und ihren literarischen Neigungen ungestört nachgehen zu können. Aus ihrer Klosterzelle heraus schrieb sie leidenschaftliche Liebesgedichte wie auch theologische Streitschriften. Sie versammelte sogar einen Gelehrtenzirkel um sich. Doch die Kirche sah darin weibliche Anmaßung und forderte Gehorsam. Sor Juana musste sich fügen. Sie trennte sich von ihren Büchern. Schließlich demütigte sie sich als die "Verworfenste von allen" und verstummte für immer.

Einen entgegengesetzten Verlauf nahm das Leben von Anna Louisa Karsch: Sie kam von ganz unten und stieg zur bekannten volkstümlichen Dichterin auf, die sogar der König von Preußen beehrte. Anna Louisa Karsch hatte Glück, denn Naturbegabungen wie sie waren Mitte des 18. Jahrhunderts groß in Mode. Doch als Frau waren ihr enge Grenzen gesetzt. Ihre Familie hatte sie früh in unglückliche Ehen gepresst und so ihre weitere Ausbildung behindert. Auch litt sie häufig unter finanzieller Not. Erst am Ende ihres Lebens setzte ihr der König eine kleine Pension aus.

Eine der berühmtesten deutschen Dichterinnen, Annette von Droste-Hülshoff, blieb ihr Leben lang in familiärer Abhängigkeit. Als Unverheiratete war es für sie damals unmöglich, allein zu leben. Noch mit vierzig Jahren fügte sie sich dem Willen ihrer Mutter.

Mag es nun an diesen schwierigen Lebensläufen liegen oder an der gesteigerten Sensibilität von Künstlernaturen, die meisten dieser Frauen waren Melancholikerinnen, was auch in ihrer Dichtung zum Ausdruck kommt. Viele wurden erst von der Nachwelt gewürdigt. Kenntnisreich und unterhaltsam spannt die Autorin den Bogen zwischen Werk und Biografie. Ihr gelingen anschaulich geschilderte Frauenporträts, die nicht nur für Literaturkenner spannend zu lesen sind.