Von Helmut Rohm

Dessau-Roßlau. Auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten, was zählt da der Mensch? Nichts, wenn er ein "Woyzeck" ist. Georg Büchners 1913 uraufgeführtes gleichnamiges Drama hatte am Freitag im Anhaltischen Theater Dessau Premiere in der Regie von Christian Weise, von dem auch das Bühnenbild stammt.

Alles und alle sind im Grunde ständig präsent in diesen pausenlosen, schonungslosen etwa 100 Theaterminuten. Woyzeck ist Soldat, seinem Hauptmann zu Diensten. Christian Weises Dessauer "Feldlager" ist mehr ein Rummelplatz der Menschenverachtung.

Den Boden für die Handlung baut der Protagonist selbst. Woyzeck (ein das ganze Stück hindurch in der Rolle aufgehender, vor allem aber auch extrem körperlich geforderter Matthieu Svetchine) schleppt anfangs die schweren Bohlen zusammen. Die Wanne darauf bleibt nicht nur zur Hauptmann-Reinigung Handlungselement. Wie die Rüstung, auf deren oberen Etagen das von Stefan Neubert geleitete kleine Orchester die für die Dessauer Aufführung von Jens Dohle und Christoph Reuter geschriebene Musik spielt.

Woyzeck, der einfache, arme Soldat, müht sich, seine Freundin Marie und ihr gemeinsames Kind finanziell zu unterstützen. Das macht ihn zum Getriebenen. Er dient nicht nur dem Hauptmann (Uwe Fischer), der sich über ihn lustig macht. Er lässt sich auf den medizinischen Versuch einer zweifelhaften Erbsen-Diät ein, verhöhnt auch hier vom Doktor (Verena Unbehaun).

Ein Marktschreier führt Kuriositäten vor. Und wieder "dient" Woyzeck, lässt sich vorführen. Oben Affenkostüm, unten nackter Hintern. Größtmögliche Demütigung, den Zuschauern genauso demons- triert. Getrieben ist Woyzeck immer wieder auch von dem ihm eigenen Wahn. In diesen Minuten, in denen ihm die Bilder in den Kopf kommen und der Blick ein starrer wird.

Und Marie (intensiv Katja Sieder) – sie widersteht dem Tambourmajor (Sebastian Müller-Stahl) nicht – und am Ende auch nicht Woyzecks Wahn.

Geschehen am Rand des Erträglichen

Was ist der Mensch?, fragt der Handwerksbursche (Patrick Rupar). Büchners als Fragment hinterlassenes Drama berichtet von Ausbeutung, von Unterdrückung, vom Ausnutzen, auch von Sehnsüchten. Es ist immer noch sehr nah an der heutigen Welt.

Die schnellen Szenen und wie Christian Weise sie mit dem engagierten Ensemble umsetzt, machen den Betrachter atemlos und atemstockend. Der Regisseur nutzt die Talente seiner Darsteller, die singen, tanzen, Akrobaten sind. Bunten Bildern (Kostüme Silvia Maradea) steht schrilles Geschehen entgegen, das – besonders in dem von Woyzeck zu Erleidendem und seinem letztlichen Handeln im Blutrausch – an den Rand des Erträglichen geht.

Und es gibt auf der anderen Seite die stillen Momente, wie die Großmutter (Hans-Jürgen Müller-Hohensee), die den Kindern ein Märchen erzählt. Ein gutes Ende hat das hier aber auch nicht ...

Was ist der Mensch? Schockierend zeigt Büchners "Woyzeck", was er sein kann. Überdeutlich zeigt es Christian Weises Inszenierung. Wieder ein nicht einfacher Theaterabend, der sein Publikum finden muss. Das zur Premiere würdigte ihn mit reichlich Beifall.