Hilmar Thate war Mephisto, Richard III. und Daniel Druskat. "Der König von St. Pauli" blickt auf ein wechselvolles Leben zwischen Ost und West zurück. "Ich kann sagen, ich bin dabei gewesen", resümierte er in seiner munteren und detailreichen Autobiografie ("Neulich, als ich noch ein Kind war"). Morgen wird Thate 80 Jahre alt.

Von Wilfried Mommert

Berlin (dpa). "Ich bin ein Kriegskind, nicht verwöhnt und hatte Glück", meint der Schauspieler. "Manchmal ist mein Leben wie ein großes Spiel ohne gefälschte Karten – eine Runde aussetzen und zurück an den Start."

"Irgendwann hat man doch alles satt, sogar das Leben", meinte Thate zwar einmal in früheren Jahren, als das Alter sich in der einen oder anderen Form zu Wort meldete. Wer ihn aber jüngst an der Seite seiner Frau Angelica Domröse den lang anhaltenden Beifall sichtlich genießend durch den vollbesetzten Saal des Berliner Premierenkinos Babylon laufen sah, als das TV-Doppelporträt über das Schauspielerpaar vorgeführt wurde, ahnte, dass dieser Vollblutschauspieler nicht so leicht vom Platz weichen will.

Kein Wunder, gehörte er doch in der DDR zu den populärsten Schauspielern im Film und auf der Bühne und in der alten Bundesrepublik arbeitete er immerhin mit Ingmar Bergman und Rainer Werner Fassbinder, nach der Wende auch mit George Tabori zusammen. Aber Thate schwelgt nicht in der Vergangenheit: "Die Zeit ist doch voller Themen, das muss nur beschrieben und geschrieben und gut umgesetzt werden!"

Thate wurde am 17. April 1931 in Dölau bei Halle an der Saale geboren, wo das Arbeiterkind nach der Schauspielausbildung 1949 am Theater in Cottbus seine Laufbahn beginnt. Später folgen seine wichtigsten Stationen in Ost-Berlin am Berliner Ensem- ble, dem Maxim-Gorki-Theater und am Deutschen Theater, wo er unter Manfred Wekwerth mit Shakespeares Königsdrama "Richard III." einen seiner größten Bühnentriumphe feiert (1972). Auch der Film mit Konrad Wolf ("Professor Mamlock"), Kurt Maetzig mit "Das Lied der Matrosen" und Gerhard Klein ("Der Fall Gleiwitz"/1961) werden ebenso wie das Fernsehen in der DDR auf den Schauspieler aufmerksam.

Große Popularität erlangt Thate in den 70er Jahren in dem Fernseh-Mehrteiler "Daniel Druskat", eine konfliktreiche Landarbeitergeschichte von Helmut Sakowski mit Manfred Krug als Rivalen. Dafür gibt es den Nationalpreis der DDR, gleich darauf aber auch die berufliche Kaltstellung, nachdem Thate und Domröse eine spektakuläre Protesterklärung von zahlreichen DDR-Künstlern gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann 1976 unterzeichnet hatten.

"Ich bereue im Nachhinein nicht eine Sekunde, diese Unterschrift geleistet und nicht zurückgenommen zu haben." Der Sicherheitswahn habe die SED-Führung um den Verstand gebracht. Thate bekennt sich noch heute dazu, auch ein "politischer Schauspieler" zu sein.

"Tatort"-Kommissar wollte er nicht werden

1980 wird der Druck unerträglich und beide gehen in den Westen. Hier finden beide für einige Jahre eine neue Heimat am West-Berliner Schiller- und Schlossparktheater, wo sie in "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" auf der Bühne stehen, später auch in der Komödie am Kurfürstendamm, dann auch in Wien. Peter Zadek holt ihn für "Jeder stirbt für sich allein" ans Schillertheater. Im Kino arbeitet er mit dem Autor Thomas Brasch in "Engel aus Eisen" über eine Bande im Nachkriegsberlin zusammen, später auch mit Volker Schlöndorff ("Der neunte Tag") und vor allem mit Rainer Werner Fassbinder in "Die Sehnsucht der Veronika Voss" von 1982, Goldener-Bär-Gewinner auf der Berlinale. Die TV-Serie "Der König von St. Pauli" macht Thate einem größeren Publikum bekannt, das Angebot, den "Tatort"-Kommissar in der Nachfolge von Walter Richter zu übernehmen, lehnt er ab.

Shakespeares König Lear bleibt auf seiner Wunschliste. Aber insgesamt ist Thate zufrieden mit seiner Karriere, und er weiß auch um das Schiller-Wort: "Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze." Und überhaupt: "Jeder Tag ist eine Probe, wir probieren ständig das Leben und erleben noch die Generalprobe, aber nicht mehr die Premiere."