Am Magdeburger Theater pflegt man die Synthese von Bewährtem und Neuem. Auf "Werther" und "Lucia di Lammermoor", zwei Opern, die zwar zum gängigen Repertoire gehören, aber in Magdeburg noch nie zu sehen waren, folgt nun am 14. Mai Carl Maria von Webers unschlagbarer Publikumserfolg "Der Freischütz". Der wiederum wird von einer renommierten Regisseurin erarbeitet, deren Ruf sich aber bisher auf Inszenierungen im zeitgenössischen und experimentellen Bereich gründete: Aniara Amos.

Von Gisela Begrich

Magdeburg. Webers Werk bedeutet für Aniara Amos eine neue Herausforderung. Cool lässt sie sich darauf ein: " Eine klassische Oper ist ein wichtiger Schritt. An solchen Inszenierungen wird man gemessen. Einer möglichen Lähmung der Fantasie durch bedeutende Aufführungstraditionen entkommt man, indem man sich nicht verrückt machen lässt und ganz genau auf das eigene Gespür achtet. Kein Regisseur kann alle Facetten eines Werkes zum Ausdruck bringen. Das ist ja gerade das Schöne daran."

Die Regisseurin sieht im "Freischütz" eine allgemeingültige Metapher für eine Gesellschaft, in der der Einzelne zerstörerischem Druck ausgesetzt ist. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie einer abgeschmackten Aktualisierung frönt. Es gibt keine Textänderungen in Hinblick auf Gegenwärtigkeit und weder Bühne noch Kostüme legen nah, die Handelnden kämen direkt aus einer heutigen Realität. Sie betont: "Der Zuschauer muss sich das selbst übertragen, wenn er erkennen will. Er hat da eine große Freiheit und soll die Oper auch genießen können."

Webers "Freischütz" gehört hierzulande zu den bekanntesten Werken des Musiktheaters. "Jägerchor" und "Wir winden dir den Jungfernkranz" befinden sich für manchen in der Beliebheitsscala auf Augenhöhe mit der Hitparade der Volksmusik. Von solcher Nähe distanziert sich Aniara Amos. Die Regisseurin plädiert für eine Theatersprache, die nicht das Gefällige, sondern den Konflikt sucht. Und davon gibt es in Webers Opus reichlich. Amos interessiert vor allem die Figur des Jägerburschen Max, der einem gesellschaftlichen Druck ausgesetzt ist, an dem er scheitert. "Das ist eine böse Gesellschaft. Sie treibt Max an den Rand des Selbstmords. Diese Schärfe ist mir wichtig. Die darf nicht durch das folkloristische Moment, das die Musik zweifellos hat, zugedeckt werden. Aber es braucht auch des Leichten und Heiteren, um das Düstere und Tragische in der Musik zum Leuchten zubringen", sagt sie. Das Furchteinflößende gehört unabdingbar zum "Freischütz" dazu, denn der Plot der Oper geht auf ein Schauermärchen zurück, das die unheimliche Macht des Bösen beschreibt. In diesem Zusammenhang nach dem Gruselzentrum des Stücks, der Wolfschlucht, befragt, erzählt Amos: "Die Wolfsschlucht ist der Dreh- und Angelpunkt das Werks. Sie stellt den Zerrspiegel der schönen Tagwelt dar. Auch musikalisch brechen sich hier die verdrängten Ängste Bahn. Die überkommenen Mittel der Theatermaschinerie können das für ein heutiges Publikum nicht mehr adäquat spiegeln. Wir müssen das Gruseln neu erfinden, als eine Szene, in der die Grenzen von Wirklichkeit und Imagination verschwimmen."

Dirigiert wird der Abend von GMD Kimbo Ishii-Eto. Er nennt Aniara Amos "eine wunderbare und kreative Regisseurin, die vor keinem Risiko zurückscheut". Es kann also spannend werden.