Nach frischem Terpentin und Ölfarben, wie schon bei vielen Atelierbesuchen, riecht es nicht. Volksstimme war zu Besuch bei der Magdeburger Fotografin Elisabeth Heinemann, in deren Atelier aber ebenso viele Bilder herumstehen, liegen oder hängen wie bei einem Maler.

Von Jörg-Heiko Bruns

Magdeburg. Die Fotografin sucht ja auch nach aussagestarken Motiven analog zu ihren malenden Kollegen der Künstler-Gilde, indes ihre Mittel sind andere. Im Mittelpunkt ihres Schaffens stehen der Mensch und die Landschaft.

Über ihrem Arbeitstisch hängt in einem schweren Goldrahmen eine Arbeit des spanischen Malers und Gauklers Salvador Dali, die nach der Wende mit der Dali-Schwemme allerorten im Osten in ihren Besitz kam. Ob es nun ein echter Dali ist oder nicht, ist für die Künstlerin von keinem größeren Interesse. Das Blatt gefällt ihr heute noch.

An der Wand gegenüber hängen kleine Kunstwerke, Kreidezeichnungen, die sich in ihrer Ausstrahlung bescheiden zurücknehmen. Es sind aber originale Kunstwerke von der Hand ihres Vaters Willy Jähnig. Denen ist sie natürlich auch emotional viel stärker verbunden. Schon hier zeigen sich Kontraste, die wohl unbedingt auch zu einer Künstlerpersönlichkeit gehören.

"Ich liebe die Dramatik", sagt Elisabeth Heinemann und fügt nach einer Pause hinzu: "Starke Bewegung oder Spannung vor allem in der Landschaft, beispielsweise der aufgewühlten See." Dramatik ist aber auch in ihren Porträts zu lesen, hauptsächlich in denen von alt gewordenen Menschen, in deren Antlitz sich oft ein langes Leben mit all seinen Höhen und Tiefen widerspiegelt.

Ihre Kunst ist dabei auch das Spiel mit den Schärfen, den Graustufen und dem Licht. Da ist dann wieder das Künstler-Thema der Vanitas, des Werdens und Vergehens, das Elisabeth Heinemann auch in Landschaften aufspürt oder einfach nur im Porträt von zwei Händen.

"… die Fotografie auf der Suche nach mir selbst entdeckt"

Elisabeth Heinemann ist in Meißen und Magdeburg in einer künstlerisch geprägten Familie aufgewachsen. Der Vater Willy Jähnig war zunächst Porzellanmaler und später – unter anderem in Magdeburg – Theatermaler. Ihre Mutter, die in Magdeburg immer noch gut bekannte Pia-Monika Nittke hat ebenfalls am Theater gearbeitet, was der Tochter entsprechende Einflüsse von zwei Seiten sicherte.

Elisabeth Heinemann studierte nach dem Abitur in Erfurt Kunsterziehung und Russisch, fühlte sich aber nie wirklich zum Lehrer-Beruf hingezogen. Nachdem ihre beiden Kinder fast flügge waren, beschäftigte sie sich intensiv mit der Fotografie. "Ich habe die künstlerische Fotografie auf der Suche nach mir selbst und meinen Möglichkeiten für mich entdeckt. Ich denke dabei an den Spruch von Martin Luther: Auch wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen. Das war auch der Titel meiner ersten Ausstellung."

Seit 1996 ist sie als freiberufliche Fotografin tätig und konnte seither mit zahlreichen Veröffentlichungen auf sich aufmerksam machen.

Ungefähr zweieinhalbtausend Filme analoger Fotografie, zahlreiche digitale Aufnahmen und eigene Texte sind auf einer Festplatte gespeichert, mit der sie jüngst Kummer hatte. Ein halbes Lebenswerk wäre ausgelöscht, bliebe der Zugriff über den Computer verweigert. "Das ist der Fluch der modernen Technik", sagt sie, nicht ganz resignierend.

Seit 2005 arbeitet sie an ihrem Projekt "außer gewöhnlich", für das schon viele bemerkenswerte Prominentenporträts entstanden, vorwiegend von Künstlern. In einer fast willkürlichen Auswahl seien die Bildhauer Wieland Förster und Werner Stötzer, der Maler Bernhard Heisig genannt oder die Dichter Christoph Hein, Reiner Kunze, Uwe Tellkamp, Günter Kunert und Günter Grass. Auch Hanna Schygulla, Egon Bahr, Ralf Giordano und Reinhold Messner gehören zur Reihe bekannter und unbekannter Künstler und Prominenter.

"Ich versuche, nach den Sternen zu greifen"

Da gibt es aber auch die Serie von der Jazzsängerin Jocelyn B. Smith, die deren Auftrittsvorbereitungen und den eigentlichen Auftritt vom Schminken, Sichsammeln bis zum Vortrag in mehreren Bildern festhält.

Nicht als Reportage, denn die Fotografin zielt auf das Innere, auf die Seele der Porträtierten. Dafür reist sie den Künstlern nach. Der eine, Messner, gibt ihr nur 20 Minuten, der andere, Giordano, fordert sie erst einmal auf, von sich selbst zu erzählen. Alle für das Projekt "außer gewöhnlich" erwählten Künstler müssen auch drei Fragen nach Glück, Erwartungen an das Leben und eigenen Träumen beantworten. Die handschriftlichen Antworten der Prominenten gehören dann jeweils zur Ausstellung.

Alles ist für Elisabeth Heinemann Abenteuer, bei dem man vorher nicht weiß, was hinterher herauskommt. "Ich versuche, nach den Sternen zu greifen und mal sehen, was dabei herauskommt", beschreibt sie ihre fotografischen Unternehmungen. Von Caspar David Friedrich lernte sie: "Ein Bild muss nicht erfunden, sondern empfunden sein." So ist es eben mit der Kunst. Und wenn dann zur eigenen Ausstellungseröffnung der Präsident der Akademie der Künste Klaus Staeck erscheint, ist die Fotografin besonders glücklich und pflanzt sinnbildlich immer wieder einen neuen Apfelbaum.

 

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