"Der Herr rettet mich ..." – ganz in Weiß und ganz bewusst ihres selbstgewählten Feuerfreitodes suchen die Altgläubigen und deren Führer Dossifej ihr Heil in einem anderen, nichtirdischen Leben. Mit diesem emotional bewegenden, monumentalen Bild endete am Sonnabendabend die stürmisch gefeierte Premiere des musikalischen Volksdramas "Cho-wanschtschina" von Modest Mussorgski im Anhaltischen Theater Dessau.

Von Helmut Rohm

Dessau-Roßlau. Monumentalität in vielerlei Hinsicht prägt diese Aufführung, die von An-drea Moses in Kooperation mit dem Deutschen Nationaltheater Weimar und Unterstützung durch die Staatsoper Stuttgart inszeniert wurde.

Beschrieben wird ein Detail der russischen Geschichte des ausgehenden 17. Jahrhunderts. Die Entscheidung, ob Chowanski und seine marodierenden Strelitzen oder Zar Peter I. die vakante Macht übernehmen, hatte sich, auch unter dem Einfluss einer Kirchenspaltung, dramatisch zugespitzt.

Der Zuschauer erlebt große beeindruckende Massenszenen des Moskauer Volkes und der Strelitzen, die durch die Chöre und Chorsolisten (Dessau, Weimar und Dessauer Kinderchor) und insbesondere deren handlungsrelevantes Spiel getragen werden. Während sich Andrea Moses fast ausschließlich streng an die historischen Handlungsinhalte und Figuren hält, verlegt sie die Orte der Handlungen (Bühnenbild und Kostüme Christian Wiehle) in einen durchaus akzeptablen, sogar teils vergnüglichen Mix aus Historie und Gegenwart. Der fast stets präsente rote Platz ist sowohl ein Symbol für das historische Moskauer Areal als auch blutgetränkter Kampfplatz. Die Silhouette der Basilius-Kathedrale, die sich auch mal aus einem Plattenbauhochhaus "herausschält", lässt grüßen – mit einer Coca-Cola-Werbung. "Chowanschtschina" ist eine kostümvielfältige Oper, ein wahrer Sehschmaus. Den Spagat zwischen damals und heute wird hier ebenfalls deutlich. Ein Volk, wie es wohl früher so gekleidet war, trifft auf Strelitzen, die die landläufige Mafiosi-Vorstellung trefflich bedienen.

Es ist ein durchaus ernstes Stück. Doch auch mit hintergründigem Humor und Augenzwinkern, mal dezent, mal ganz schön dick aufgetragen. Fürst Golizyn (Angus Wood) thront auf einem überlebensgroßen roten russischen Bären. Iwan Chowanski kommt über eine Flugzeug-Gangway herab zum Volk. Intrigant Schaklowity (Ulf Paulsen) wird zum Morden in Chowanskis Schlafzimmer abgeseilt. Aus einem Hubschrauber? Wie gerade bei Bin Laden?

Ganz aktuell ist auch das Videoeinspiel von der jüngsten englischen Hochzeit. Ging es ja hier ebenfalls – wenn auch gewaltlos – um Macht. Und das Machtgerangel bis in den Tod ist in "Chowanschtschina" auch mit einer Liebesgeschichte verknüpft. Also die Botschaft: Diese Themen sind eben immer noch aktuell.

Die künstlerische Umsetzung der Figurenrollen in handelnde und fühlende Menschen ist in Dessau trefflich gelungen. Als einen Mann wie ein Baum und mit ebenso gewaltiger Bassstimme verkörpert Alexey Antonov den Fürsten Iwan Cho-wanski. Gar nicht dem Vater ähnlich in Statur und noch weniger im Tun stellt Sergey Drobyshevskiy den Chowanski-Sohn Andrej dar. Pavel Shmulevich nimmt man die beschwörende Rolle Dossifejs, des Führers der Altgläubigen, vollends ab. Er war im für alle geltenden Beifallsrausch der Publikumsliebling des Abends. Anna Peshes begeisterte als ungemein leidenschaftlich liebende Marfa.

Die Anhaltische Philharmonie unter GMD Antony Hermus präsentierte Mussorgskis lebendige, gefühlvolle und handlungsorientierende Musik mit bravourösem Engagement.

"Chowanschtschina", gesungen in russischer Sprache mit deutschen Übertiteln, erfordert vom Zuschauer hohe Konzen-tration. Es ist, mit eigener inhaltlicher Vorbereitung noch mehr, ein gut anzuschauendes dreieinviertelstündiges Opern-erlebnis.