Auf der Volkskunst lasten Vorurteile, das Attribut "zweitrangig" gehört noch zu den milderen. Dabei hat es schon Joseph Beuys gewusst: Jeder Mensch ist ein Künstler! In Dresden widmet sich ein Museum der Volkskunst.

Von Jörg Schurig

Dresden (dpa). Manchmal hat die Welt auf wenigen Quadratmetern Platz. Zum Beispiel im "Teatro mundi" – jenem Welttheater, das früher auf Jahrmärkten aufgeführt wurde. Mit beweglichen Figuren und Kulissen wurden exotische Orte auf den Dorfplatz verlagert. Menschen, die kaum mal bis in die nächste Stadt kamen, konnten so einen Hauch der großen weiten Welt spüren. Es ging um die Kunst der Illusion. Das Volk war begeistert. Das "Teatro mundi" avancierte zur Volkskunst im besten Sinne. Noch heute vermag es den Betrachter zu verzaubern – auch wenn sich die bunte Welt nur noch im Museum dreht.

Igor A. Jenzen, Direktor des Sächsischen Museums der Volkskunst, ist der Herr über solche mechanischen Wunderwerke. Ein paar von ihnen hat er in die deutsche Ausstellung zur "Kunst der Aufklärung" nach China entsandt. "Normalerweise sind unsere Exponate als Leihgaben in Kunstausstellungen weniger gefragt", sagt der Chef. "Aber in Peking konnten wir unsere Schätze in die Waagschale werfen." Jenzens Worte machen ein Dilemma deutlich. Noch immer hat es die Volkskunst schwer. Ihr lastet das Image vom verstaubten Heimatmuseum an. Dabei ist der Schauwert der Exponate oft viel höher als bei "Hochkunst".

Als Gattungsbegriff musste sich die Volkskunst vor mehr als 100 Jahren zunächst von der Volkskunde abgrenzen. Gerade am Dresdner Museum lässt sich das gut ablesen. 1897 hatte Oskar Seyffert (1862-1940), Professor an der Königlichen Kunstgewerbeschule, den Verein für Sächsische Volkskunde gegründet. Zu dessen Zielen gehörte auch ein Museum. Seyffert – selbst ein leidenschaftlicher Sammler – sah eine direkte Verbindung zwischen Kunstgewerbe und Volkskunst. 1913 wurde die Volkskunst in Sachsen museal. Seyffert machte die "Kunst des kleinen Mannes" zu seiner Lebensaufgabe.

Jenzen berichtet, dass Seyffert regelrechte Beutezüge in die umliegenden Dörfer unternahm und den Bauern Dinge abkaufte. Offiziell wurde eine Wiege zum ersten Exponat. Das bäuerliche und industrielle Leben war aber schon zuvor ins Blickfeld geraten. 1896 avancierte die Ausstellung für Sächsisches Handwerk und Kunstgewerbe zu einer gigantischen Schau. Auf mehreren Hektar Fläche wurden eine "Alte Stadt" und ein "Wendisches Dorf" nachgebaut – mit Kulissen im Maßstab 1:1. "Das war wie Disneyland. Da können heute noch alle einpacken", ist der heutige Direktor begeistert.

Die Dresdner liebten das Volkskunstmuseum. "Das war eine emotionale Verbindung, praktisch das Schatzkästchen der sächsischen Volksseele", meint Jenzen. In Regie des DDR-Kulturbundes gab es hier Zirkel für Schnitzkunst oder Klöppeln. Kinder konnten in der Weihnachtszeit Geschenke basteln. Heute befinden sich mehr als 25000 Exponate im Bestand, aus Platzgründen können nur etwa 15 Prozent gezeigt werden. Dazu gehören Möbel, Gefäße aus Zinn oder Glas, Trachten, Grafiken, Gemälde oder Erstausgaben alter Kinderbücher und die Holzprodukte der Erzgebirgischen Volkskunst. Die Puppentheatersammlung umfasst 200 Jahre Marionettengeschichte und zählt zu den bedeutendsten ihrer Art weltweit. Das gilt auch für die mechanischen Welttheater.

Neben traditionellen Ausstellungen zu Weihnachten und Ostern will Jenzen mit peppigen Ausstellungen wie der "Baustelle Heimat" (2008) die Volkskunst für junge Leute attraktiv machen. "Auch wir können cool sein", lautet die Botschaft. 2012 soll es um Volkstrachten bis hin zum Outfit der HipHop-Generation gehen, um Kleidung als Dresscode. Zum 100. Geburtstag des Museums 2013 kommt Oskar Seyffert zu Ehren. Bei Exponaten wie dem "Teatro mundi" kann Jenzen sowieso auf ewigen Zeitgeschmack bauen. Denn die beweglichen Wunderwerke sind auch für die Kinder des Nintendo-Zeitalters faszinierend.