Von Hans Walter

Wernigerode. Der Dresdner Kreuzchor unter Prof. Roderich Kreile, dem 28. Kreuzkantor seit der Reformation, gastierte gestern anlässlich des 60-jährigen Jubiläums des Rundfunk-Jugendchores Wernigerode in der Stiftskirche St. Sylvestri vor ausverkauftem Haus. Ein beglückend schönes Konzerterlebnis!

Zu Gehör kam mit A-cappella-Motetten ausschließlich geistliche Chormusik höchsten Schwierigkeitsgrades. Motetten sind kunstvolle mehrstimmige Vokalkompositionen, zum Teil doppelchörig oder mit bis zu achtstimmigem Chor. Im ersten Teil stimmte Kreuzkantor Kreile Werke des Barock an; im zweiten Teil Kompositionen der Romantik. In beiden Stilistiken überzeugte er glanzvoll mit seinen jungen Sängern.

Transparenz im Chorklang

Beeindruckend war vor allem der Vergleich mit Aufnahmen geistlicher Chormusik durch die Wernigeröder. "Jubilate Deo omnis terra", eine Motette für achtstimmigen Chor von Johann Gabrieli, "Singet dem Herrn ein neues Lied" für zwei vierstimmige Chöre von Johann Sebastian Bach und die Zugabe "Denn er hat seinen Engeln befohlen" von Felix Mendelssohn Bartholdy singt der Rundfunk-Jugendchor auch. Friedrich Krell ertrotzte ihm als einzigem Chor einer "sozialistischen" Schule vor 30 Jahren im Dissenz zu Margot Honeckers Volksbildungsministerium regelrecht das Recht, geistliche Chorliteratur singen zu können. Es wurden Maßstab setzende Interpretationen, die den Sängern in vielerlei Hinsicht ganz wesentlich den Horizont weiteten.

Kreile setzte im Konzert der Kruzianer auf völlige geistige Klarheit der Botschaft und Transparenz im Chorklang. Man vergesse dabei nicht, dass seine Sopran- und Altstimmen noch nicht einmal 13 Jahre alt sind! Er schuf polyphone Klanggeflechte von außerordentlicher Schönheit, Durchsichtigkeit und Strahlkraft. Grandios die Fuge "Alles was Odem hat lobe den Herrn" in der Bach-Motette. Ganz großartig das "Alleluja" in Johann Herrmann Scheins "Das ist mir lieb": ein zwitscherndes barockes Tongemälde mit Echowirkungen, mit Ruhe und Bewegung, fein differenziert in der Dynamik von Laut und Leise.

Im Romantik-Teil überraschte Kreile besonders mit "Vater unser" seines 22. Vorgängers im Amt des Kreuzkantors, Prof. Friedrich Oscar Wermann (1840-1906). Ein Komponist von überbordender Schaffenskraft und Vitalität. Ein spätromantisches Werk, mit Klangschichtungen und kühnen Dissonanzen und von geradezu moderner Tonsprache. Die Motetten von Felix Mendelssohn Bartholdy, Johannes Brahms und Max Reger bestachen durch ihre Intensität und fein modulierte Eindringlichkeit. Langer Beifall und Bravorufe dankten den 65 Sängern und ihrem Spiritus Rector Roderich Kreile.

Am Montag traten die Kruzianer in einer kleinen Feierstunde mit Bachs Choral "Eine feste Burg ist unser Gott" und geistlichen Werken von Mendelssohn Bartholdy vor der Kirche St. Burchardi in Halberstadt auf, wo sie zum Thema "1000 Jahre Reformation in Sachsen" im Jahr 2539 eine Klangtafel enthüllten. In der Kirche erklingt seit zehn Jahren das längste Orgelstück der Welt – Organ 2/ASLSP "as slow as possible" von John Cage. Es ist auf 639 Jahre terminiert. Die Tafel wurde vom Kreuzchor-Förderverein gestiftet.