Als erstes politisches Magazin im deutschen Fernsehen ging "Panorama" vor 50 Jahren auf Sendung. Mit einem Experiment, einer Doku und einem Buch feiert das Magazin aus Hamburg nun sein Jubiläum.

Von Dorit Koch

Hamburg (dpa). Zumindest zum 50. Geburtstag bekommt das ARD-Politmagazin "Panorama", was sich dessen Macher sehnlichst wünschen: mehr Aufmerksamkeit. Denn sonst im Wechsel mit anderen nur alle drei Wochen 30 Minuten lang auf Sendung – das sei für heutige Fernsehverhältnisse "verdammt wenig", findet Moderatorin Anja Reschke. Ein einzelner Beitrag habe es da schwer, wahrgenommen zu werden. "Leicht geht er unter im allgemeinen medialen Getöse", schreibt Reschke in ihrem Buch zum Jubiläum.

Heute sei für die Redaktion einer solchen Sendung die größte Herausforderung, ihr mehr Beachtung zu verschaffen. Und vom "Spiegel" auf die insgesamt sechs unterschiedlichen Politmagazine der ARD angesprochen, legte sie noch nach: "Aus meiner Sicht wäre weniger mehr."

Wenn das "Krawallfernsehen mit Anspruch" nun seinen 50. feiert, stehen einige Sondersendungen auf dem Programm. Den Auftakt machen am Donnerstag die Jubiläumsausgabe des Magazins (22 Uhr) in der ARD und die Dokumentation "Unbequem und unbestechlich" im NDR (23.15 Uhr).

In dem Film kommen neben Gründungsvater Gert von Paczensky ehemalige Moderatoren, Reporter und Autoren zu Wort, darunter Peter Merseburger, Alice Schwarzer, Luc Jochimsen und Stefan Aust.

Es geht um Themen, mit denen "Panorama" Schlagzeilen machte – von der Debatte um die Änderung des Abtreibungsparagrafen 218 bis hin zu Recherchen über AWD-Gründer Carsten Maschmeyer.

Als erstes politisches Magazin im deutschen Fernsehen war "Panorama" am 4. Juni 1961 auf Sendung gegangen. "Der NDR hatte dafür ein paar Zeitungsleute angeheuert, die zwar keine Ahnung vom Fernsehen, sich aber als Journalisten bereits einen Namen gemacht hatten", schreibt Reschke ("Die Unbequemen – Wie Panorama die Republik verändert hat").

Kurz darauf lieferte der Mauerbau bereits das erste große Thema für die junge Redaktion. Bis die Mauer wieder fiel, sorgte man drei Jahrzehnte lang zwar immer wieder für Aufsehen, vor allem aber durch Tabubrüche. "Es gab auch Enthüllungen, aber das waren nicht die Themen, die Schlagzeilen gemacht haben", sagt Redaktionsleiter Volker Steinhoff.

Als etwa Alice Schwarzer 1974 in der Debatte um Paragraf 218 für "Panorama" einen Film über eine Abtreibungsmethode machte, nahmen die Programmchefs diesen in letzter Minute aus der Sendung. Die Redaktion weigerte sich daraufhin, zu moderieren – Nachrichtensprecher Jo Brauner sprang ein.

Film war plötzlich verschwunden

Stefan Aust (von 1973 bis 1989 "Panorama"-Reporter) machte 1982 einen Beitrag über einen Verfassungsschützer, der in einem Buch Staatsgeheimnisse verriet – musste dann aber in seiner Anmoderation erklären, dass der Film plötzlich verschwunden sei.

Kuno Haberbuschs Recherchen zu "Suff in Bonn" über betrunkene Politiker in der damaligen Bundeshauptstadt sorgten 1988 für massiven Ärger.

Der Gegenwind sei immer heftig gewesen, resümiert NDR-Fernsehchef Frank Beckmann. "Die Redakteure haben viele Wertschätzungen erhalten." Was Politiker "Schweinejournalismus" (Oskar Lafontaine) oder "Dreck- schleudern" (Ronald Schill) nannten, bescherte der Sendung vor allem seit den 90er Jahren Aufsehen: investigativer Journalismus. Dabei ist das Verhältnis zwischen "Panorama" und Politikern ohnehin ein spezielles.

"Nun wollen wir uns noch ein wenig mit der Bundesregierung anlegen", wird Gründungsvater Gert von Paczensky gern zitiert – und Franz Josef Strauß mit den Worten: "Es waltet ein Unstern über der Sendung." "Viele Politiker möchten sich Interviews mit "Panorama" nicht stellen", schreibt Reschke. "Die Zahl der Absagen nimmt zu, je höher ein Politiker in der Rangliste steht."

Nun startet "Panorama", das im vergangenen Jahr mit 11,7 Prozent Marktanteil und 3,08 Millionen Zuschauern im Durchschnitt das erfolgreichste Politmagazin gewesen sei, zum Geburtstag ein Experiment: Die Redaktion produziert drei Ausgaben "Panorama Nord", die vom 14. Juni an dienstags (21.15 Uhr) im NDR Fernsehen gezeigt werden. Zu weiteren Plänen mit diesem Format wollen die Macher, die bereits seit 2008 mit "Panorama – Die Reporter" einen Ableger im NDR haben, vorerst nichts sagen. Eine Frage werde aber sein: "Finden wir so viele Geschichten im Norden, die es erlauben, das Label "Panorama" zu tragen?"