Mit 375 Vorstellungen als Lessings "Nathan, der Weise" am Deutschen Theater Berlin hat Otto Mellies Bühnengeschichte geschrieben. Als langjähriges Ensemblemitglied und durch viele Film- und Fernsehrollen wurde er zum Grandseigneur der Schauspielkunst. Am heutigen Mittwoch wird er 80.

Berlin (dpa). Otto Mellies gehört nicht zu den Schauspielern, die viel Gewese um sich machen. "Ich habe Glück gehabt, ein Riesenglück", ist sein Kommentar zu mehr als einem halben Jahrhundert Erfolg. Ein wenig nachdenklich ergänzt er im dpa-Interview: "Es hätte doch ganz anders kommen können, damals nach dem Krieg, ich hätte sonstwo landen können."

Am 19. Januar 1931 in einer Kleinstadt in Pommern geboren, verschlugen ihn die Wirren des Zweiten Weltkrieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit nach Schwerin. Hier entdeckte er eine Annonce des Theaters, das Schauspielschüler suchte. Er bewarb sich und bestand die Prüfung. In Erinnerung daran kommt Otto Mellies auf den Begriff "Glück" zurück: "In Schwerin habe ich schnell gemerkt, dass man sich nie auf das Glück verlassen darf. Man muss hart und diszipliniert dafür arbeiten." Diese Haltung prägt sein Verständnis von Kunst.

Nach Engagements an verschiedenen Bühnen wurde er 1956 ans Deutsche Theater Berlin verpflichtet. Hier hat er bis zu seinem Ausscheiden aus dem Ensemble im Jahr 2008 unzählige Rollen gespielt. Wie für viele, so war dieses Theater zu DDR-Zeiten auch für ihn "eine Insel der Seligen". Doch er fügt mit ironischem Augenzwinkern hinzu: "Eine Insel der Seligen mit Streifen, mit Ecken und Kanten!"

Otto Mellies prägte mit seinem kultivierten Darstellungsstil wichtige Aufführungen, so als Pylades in der legendären "Iphigenie"-Inszenierung von Wolfgang Langhoff im Jahr 1963 mit Inge Keller in der Titelrolle, 1978 in der Rolle des Zuhälters in "Bitterer Honig" oder 1984 als Onkel Gajew im "Kirschgarten". Schon Ende der 1950er Jahre wurde er dem großen Publikum außerhalb des Theaters durch Film und Fernsehen bekannt.

Den Lear würde er gern noch spielen

Doch die Arbeit am Deutschen Theater Berlin bezeichnet er selbst als das "A und O" in seiner Laufbahn. Wobei er dabei weniger auf sich, als auf andere verweist: "Das Niveau war immer ungemein hoch, hier durfte ich mit den besten Schauspielern und Regisseuren arbeiten. Wenn ich mich daran erinnere, habe ich wirklich glückselige Empfindungen."

Den Kinozuschauern wurde er 1959 als Ferdinand in der DEFA-Verfilmung von Schillers "Kabale und Liebe" ein Begriff. "Bekannt wie ein bunter Hund", wie Otto Mellies in seiner gerade im Verlag Das Neue Berlin erschienenen Autobiografie "An einem schönen Sommermorgen" erzählt, wurde er durch die Rolle des "Dr. Schlüter". Der TV-Fünfteiler um einen Chemiker, der sich gegen eine Karriere unter den Nazis entscheidet, erreichte 1965/66 in der DDR eine Einschaltquote von sagenhaften 80 Prozent. "Taxifahrer haben mich danach jahrelang nur als Dr. Schlüter angesprochen", erzählt Mellies schmunzelnd.

Auch nach der Wende blieb er – im Gegensatz zu vielen DDR-Kollegen – ein gefragter Mime. Mellies glänzt nach wie vor im Fernsehen, als Synchronsprecher, etwa von Christopher Lee, und als Gestalter von Hörbüchern. Zurzeit steht er in einer Hauptrolle im neuen Kinofilm von Regisseur Andreas Dresen ("Sommer vorm Balkon") mit dem Arbeitstitel "Halt auf freier Strecke" vor der Kamera.

Diese neue Aufgabe bezeichnet der Schauspieler als eine "einfach wundervolle Erfahrung". Zur Erklärung fügt er an: "Andreas Dresen, mit dem ich ja schon einmal gearbeitet habe, gehört zu den klugen, sensiblen jungen Regisseuren, die wirklich für das Publikum arbeiten. Und das ist mir immer das Wichtigste gewesen und bleibt es auch: für das Publikum zu arbeiten."

Seinen 80. Geburtstag möchte Otto Mellies "ohne viel Tamtam" mit seiner Frau, seinen zwei erwachsenen Kindern, dem Enkelsohn und dem geliebten Hund feiern. Im nächsten Jahr gibt es dann schon wieder Grund zum Feiern: Otto Mellies und seine Gattin Luise, die für die Ehe ihre vielversprechende Karriere als Sopranistin abgebrochen hat, begehen ihren 60. Hochzeitstag.

Gibt es da noch unerfüllte Träume? Zunächst winkt Otto Mellies ab, gesteht dann aber: "Der Lear von Shakespeare in einer Inszenierung, die heutigem Empfinden entspricht, aber ohne Schabernack auskommt, das wär’s. Ja, noch einmal die große Form auf die Bühne bringen, das ist schon so ein Traum."