Von Elke Vogel

Berlin (dpa). Knapp ein Drittel der Berlinale-Wettbewerbsfilme ist bereits ins Rennen gegangen. Doch noch ist kein Bärenfavorit in Sicht. Der erste deutsche Beitrag wurde verhalten aufgenommen. Am meisten gelacht und geweint wurde bei der 61. Berlinale bislang außer Konkurrenz. Die nicht am Bären-Rennen teilnehmende Einwanderer-Komödie "Almanya – Willkommen in Deutschland" der Dortmunder Regisseurin Yasemin Samdereli begeisterte am Sonnabendabend das Premierenpublikum. Von den Wettbewerbsfilmen ging bislang knapp ein Drittel an den Start – ein Bärenfavorit ist jedoch noch nicht in Sicht.

Der deutsche Beitrag "Schlafkrankheit" von Ulrich Köhler wurde von den Zuschauern eher verhalten aufgenommen. Köhler ("Montag kommen die Fenster") bleibt in seinem Drama über Entwicklungshelfer in Afrika zu sehr in den Klischees hängen, die er eigentlich hinterfragen will.

Wirbel gab es am Wochenende um Popstar Madonna. Die 52-Jährige kam, um einem handverlesenen Fachpublikum erste Szenen ihres Films "W.E." über die Liebe zwischen dem englischen König Edward VIII. und der Bürgerlichen Wallis Simpson vorzustellen. Der Öffentlichkeit zeigte sich Madonna allerdings zunächst nicht.

In "Almanya – Willkommen in Deutschland" erzählen die Schwestern Yasemin (Drehbuch, Regie) und Nesrin Samdereli (Drehbuch) über den Zeitraum von 45 Jahren von der Familie Yilmaz. Vater Hüseyin war 1964 als der Eine-Million-und-Erste Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland gekommen und holte später seine Frau und Kinder nach.

Im dpa-Interview erzählten die Filmemacherinnen – Enkelinnen eines Gastarbeiter-Ehepaares – dass in ihrer mit klugem Witz und voller Gefühl erzählten Geschichte viele Anekdoten stecken, die sie tatsächlich erlebt oder erzählt bekommen haben. "Wir wollen die kulturellen Unterschiede als Bereicherung darstellen. Die Menschen sollen miteinander, übereinander lachen", sagte Nesrin Samederli. Die Samdereli-Schwestern spielen dabei lustvoll und gekonnt mit gängigen Stereotypen und Vorurteilen. Über drei Generationen hinweg wird auch eine Antwort auf die Frage gesucht: Was ist Heimat? "Almanya – Willkommen in Deutschland" ist ein Film, der einen ganz eigenständigen Beitrag zur Integrationsdebatte leistet. Ab 10. März läuft er im Kino.

Köhlers Wettbewerbsfilm "Schlafkrankheit" erzählt von dem Arzt Ebbo (Pierre Bokma), der seit 20 Jahren mit seiner Frau Vera (Jenny Schily) als Entwicklungshelfer in Afrika lebt und ein Projekt zur Erforschung der Schlafkrankheit leitet. Als Vera nach Deutschland zurückkehren will, muss sich Ebbo entscheiden. Jahre später reist Alex (Jean-Christophe Folly), ein französischer Arzt mit kongolesischen Wurzeln, nach Kamerun und trifft auf Ebbo – einen zwischen zwei Welten zerrissenen Menschen. Köhler verbrachte seine Kindheit teilweise in Zaire, seine Eltern waren Entwicklungshelfer.

"Schlafkrankheit" zeigt den Zwiespalt der Entwicklungshelfer, die immer fremd in dem Land bleiben, dessen Menschen sie helfen. Dabei häuft der Film aber zu viele Klischees an: die sexuelle Ausbeutung von Afrikanerinnen durch Europäer, das Misstrauen der Ausländer gegenüber den angeblich faulen und betrügerischen Einheimischen und die Veruntreuung von Geld aus der Entwicklungshilfe.

Ebenfalls im Wettbewerb zeigte die gebürtige Argentinierin Paula Markovitch in "El premio" (Der Preis), was der Beginn der Militärdiktatur in Argentinien für das Aufwachsen eines kleinen Mädchens bedeutet. Mit ihrem epischen, wundervoll poetischen Erzählstil stellte die Regisseurin allerdings die Geduld vieler Zuschauer auf eine harte Probe.

Eine glänzende Hauptdarstellerin in einer dramaturgisch mangelhaften Story bot "Yelling To The Sky" von Victoria Mahoney (USA). Zoe Kravitz, Tochter von Musiker Lenny Kravitz, spielt eine Jugendliche, die ihrem kaputten Elternhaus entkommen will.

Schön, aber nicht unbedingt bärenverdächtig war das animierte 3D-Märchen "Les Contes de la nuit" von Michel Ocelot (Frankreich). In Kritikeraugen bisher am besten schnitt der US-Finanzthriller "Margin Call" von JC Chandor ab, in dem Kevin Spacey und Jeremy Irons New Yorker Investmentbanker am Vorabend der Finanzmarktkrise spielen.

Genuss pur versprach Wim Wenders 3D-Tanzfilm "Pina" - allerdings außer Konkurrenz. Im Rennen um den Goldenen Bären ist neben "Schlafkrankheit" ein zweiter deutscher Film: Dokumentarfilmer Andres Veiel ("Black Box BRD") zeigt am Donnerstag "Wer wenn nicht wir" über die Vorgeschichte der RAF und die Liebe zwischen dem Schriftsteller Bernward Vesper und der späteren RAF-Terroristin Gudrun Ensslin. Um die Berlinale-Trophäen konkurrieren 16 Filme aus aller Welt.