Halle. Seit seiner Uraufführung 1890 feiert der Schwank "Pension Schöller" von Wilhelm Jacoby und Carl Laufs Publikumserfolge. Auch die Inszenierung anno 2011 am Neuen Theater Halle dürfte ein Selbstläufer sein. Regisseur Frieder Venus brachte ein temporeiches Spektakel auf die Bühne. Das Premierenpublikum amüsierte sich am Sonnabendabend prächtig.

Vielleicht wollten die Autoren dazumal rigide konservative Verhältnisse zur Zeit Wilhelms II. satirisch aufspießen. Doch die Vorlage ist zu harmlos, witzig-freundlich, intelligenter Boulevard. Die Hallesche Inszenierung bedient sich der jüngst von Jürgen Wölffer aufgemotzten Fassung. Die witzige Grundidee bleibt unangetastet.

Der wohlhabende Provinzler Philipp Klapproth will bei seinem Besuch in Berlin was erleben. Verrückte will er sehen, Leute, die meschugge sind, plemplem, "Schnee auf der Trommel" haben. Sein Neffe schickt ihn in die "Pension Schöller" und gibt vor, dort Irre bei einer Abendgesellschaft treffen zu können. Doch es ist lediglich eine harmlose Familienpension, in der illustre Gäste versammelt sind. Klapproth wähnt sich allein unter Narren und kommt auf seine Kosten. Er begegnet Typen, die er für bekloppt hält, die es aber nicht sind, die aber durchaus Macken haben, die aus der Perspektive desjenigen, der die Leute für bekloppt hält, übermäßig Gewicht bekommen. Kurzum: Es amüsiert vortrefflich, des Wahnsinns Lauf zu beobachten.

Bühne und Kostüme (von Angela Baumgart) haben plüschigen Charakter. Alter netter Charme, weit weg von muffig. Tempo verleiht der Inszenierung nicht nur, dass die Akteure zuweilen ins atemlose Rennen kommen. Die Bühne wird in einigen Szenen gedreht, schneller und schneller. Türen gehen auf und zu, Auf- und Abgänge im Minutentakt. Auf der Bühne gibt es was zu gucken, was zu hören, was zu lachen. Überzeichnete Figuren samt schrulliger Mimik, komödiantische Gesten, Situationskomik und köstliche Dialoge machen das Stück aus.

Schauspieler mit Sprachfehler

Reinhard Straube gibt einen schlitzohrigen Voyeur im Narrenkäfig, dem am Ende die ganze Sache über den Kopf wächst. Die Figur des zackigen Major a. D. lässt Joachim Unger nachsichtig belächeln. Matthias Zeeb als breitbeinig daherkommender Weltbereiser darf witzig schwäbeln.

Für die komödiantischen Glanzpunkte sorgt Danne Hoffmann in der Rolle des Möchtegernschauspielers mit gravierendem Sprachfehler. Jedes L werden bei ihm als N gesprochen. Ständig will er "Knassik deknamieren". Perfekt beherrscht Hoffmann die verhunzte Sprache. Bei "Schinners Gnocke" schlägt sich das Publikum vor Vergnügen auf die Schenkel. Auch Hannelore Schubert sticht aus dem spielfreudigen Ensemble hervor. Sie spielt die verschrobene, vor Schreibwut bebende Schmonzetten-Schriftstellerin hinreißend komisch. Die Krönung ist ihr Auftritt "Ich bin eine Dirne".

Der Weisheit letzter Schnuss (oh Pardon): Wer wahnsinnig und wer verrückt ist, bleibt am Ende nicht auszumachen. Die Grenze verläuft fließend. Wer lachen will und auf Theaterposse steht, sitzt bei "Pension Schöller" im richtigen Stück.