Geht das denn schon wieder los? Wenn die ersten Gerüchte aufkommen, kommt in meiner Familie das Thema vegetarische Ernährung sofort auf den Plan. Das heißt fleischloses Essen und Verzicht auf das Ei. Und immer wiederkehrend entfacht sich gleich der Streit, was der Unterschied zwischen einem Vegetarier und einem Veganer ist. Obwohl das einer dann googelt, ist es beim nächsten Mal wieder nicht ganz klar.

Dieses Problem kommt, wie bekannt, nicht aus uns selbst, sondern wird von außen gelenkt. Von den Medien, die uns von Zeit zu Zeit mit unappetitlichen Meldungen versorgen. Gammelfleisch kennt man ja, und dieses Teufelswort Dioxin geistert immer mal wieder herum. Und wenn im Horror Flaute ist, wendet man sich den schändlichen Tiertransporten zu. Warum meine Familie in Zeiten der schlimmen Meldungen Vegetarier werden will, versteht sich von selbst.

Für mich persönlich sehr nachteilig ist die Idee, dass mit mir der Anfang gemacht werden soll. Mit dem Argument, ich hätte ein paar Kilo Fett zuviel auf den Rippen. Außerdem hätte ich die meiste Zeit, das aufwändige pflanzliche Schmalz und die Klopse aus Früchten des Ackers herzustellen.

Da ich ganz gern mal ein Steak esse und auch vor einem deftigen Eisbein nicht zurückschrecke, wehre ich mich. Und wiederhole meine eigene Beobachtung, dass es unter den Vegetariern meistens Frauen gibt. Die Männer die große Ausnahme sind. Und wenn sie dann doch von ihren Gattinnen missioniert wurden, leicht mal rückfällig werden und hinter dem Kiosk stehen – und die Bockwust hinter der vorgehaltenen Hand verstecken, wie es ein pubertierender Knabe mit seiner Zigarette tut.

Da aber nun packt mich meine Familie an meiner empfindlichsten Stelle. Der Dichtkunst. Ob ich denn nicht wüsste, dass mein bewundertes Vorbild Lew Tolstoi Vegetarier, wenn nicht gar Veganer gewesen ist.

Und gleich erzählen sie mir, wie es Tolstois Schwägerin Tatjana bei einem Besuch in Jasnaja Poljana erging, als die Hausfrau in Moskau war. Tolstoi und seine ältesten Töchter bereiteten das Essen als prinzipientreue Vegetarier. Das Dichtergenie selbst versprach der Schwester seiner Frau, die er eine "gierige Fleischesserin" nannte, sich selbst um das Menü zu kümmern. Und das tat er dann auch. Wie die Schwägerin sah, als sie zum Essen erschien und an ihrem Stuhl ein Huhn festgebunden war. Da sie wüssten, dass Tatjana gerne lebende Wesen verspeiste, sagte Tolstoi, hätten sie ihr dieses Hühnchen zugedacht. Und weil weder er noch seine Töchter einen Mord begehen könnten, läge das Schlachtemesser gleich neben dem Teller bereit. Wozu ergab sich von selbst.

Die Schwägerin soll es mit Humor genommen haben, kann man lesen. Anders als ein befreundeter Maler. Der warnte davor, Tolstoi zu besuchen, wenn die Hausfrau auf Reisen war. "Man erleidet den Hungertod!" Wer also meine unliebsame Stellung innerhalb der Familie nachvollziehen kann, ahnt, wie mir seit ein paar Tagen zumute ist. Wenn ich den Fernseher anschalte und einer die Zeitung aus dem Briefkasten holt. Ausgerechnet jetzt ist in aller Munde Dioxin. In der Nachweihnachts-zeit, in der ein Vorrat halber Gänse und längst nicht vertilgtem Wildschweinbraten in der Tiefkühltruhe liegt.

Ob das denn nie ein Ende nimmt!

Martin Meißner ist Schriftsteller in Sachsen-Anhalt.