Er durfte zu DDR-Zeiten im Palast der Republik auftreten und Erich Honecker treffen. Doch Udo Lindenberg, der Rebell, ließ sich nie vereinnahmen. Seine Fans im Osten liebten ihn dafür. Er ermöglichte ihnen einen Blick in die Welt "da drüben" und bediente Sehnsüchte und Hoffnungen. Seit Mittwoch dreht sich im Theater am Potsdamer Platz in Berlin alles um diesen Udo. Das Musical "Hinterm Horizont" (Regie: Ulrich Waller) ist die Geschichte einer großen Liebe zwischen Ost und West.

Von Grit Warnat

Berlin. Sittsam singen FDJler im Chor beim Festival der Jugend. Alles dreht sich um Frieden und Freundschaft. Sittsam beklatschen die Blauhemden im Publikum den netten, gediegenen Gesang.

Friedenskonzert überschrieben ist auch Udo Lindenbergs Auftritt mit seinem Panikorchester im Palast der Republik. Udo blickt in strahlende Gesichter, wird gefeiert, getragen vom Beifall. Lindenberg steht nicht dafür, mit seiner Meinung hinter dem Berg zu halten. "Weg mit allem Raketenschrott, in der Bundesrepublik und in der DDR." Das ist Klartext. Die Masse jubelt. Die Genossen schwitzen. Das war am 25. Oktober 1983.

Lindenberg (gesungen, genuschelt und gespielt von Serkan Kaya) ist 37 Jahre alt – und er lernt ein Mädchen aus dem FDJ-Ost-Chor kennen, seine Jessy aus Pankow, 17 Jahre jung (Josephin Busch). Sie träumen glückstrunken von einer Hochzeit in Panikmanier und von Kindern, am besten 13. Das Zusammentreffen der beiden löst Unruhe in Jessys Familie aus, die im heimischen Wohnzimmer, dessen Einrichtung an Alfred Tetzlaff erinnert, das Mädchen zur Vernunft bringen will. Aber das liebt "Gegen die Strömung, gegen den Wind".

Viel stärker aber wächst die Unruhe in der Machtzentrale über den Panik-Mann und die "ungesetzliche Annäherung". Unter Hammer, Zirkel, Ährenkranz beratschlagen der Minister und seine Vasallen über diesen Udo, holen sich sächselnde Experten an den Tisch, die den Westler, dessen "Umgang mit hochwertigen Konsumgütern äußerst fragwürdig ist", analysieren und der Frage auf den Grund kommen wollen, warum der solche Euphorie auslöst und "was den eigentlich zu uns zieht"? "Der kann nischt und im Nichtskönnen lassen wir uns nichts vormachen." Während die Überwachungskamera Bilder aus Udos Probenraum sendet – locker-leicht lümmelt sich der Rocker bei Bierchen und Zigaretten – startet die Staatssicherheit ihre Operation. Deckname: Lederhose ...

Das könnten bedrückende Szenen sein, wäre nicht Thomas Brussig für das Buch verantwortlich gewesen. Der Autor, bekannt für seine Bücher "Helden wie wir" und "Am kürzeren Ende der Sonnenallee", hebt das Geschehen auf eine sehr witzige, manchmal skurrile, auch derbe Ebene. Ihm gelingt es an vielen Stellen im Programm, aber vor allem in den Stasi-Szenen, geschickt mit Humor zu jonglieren, ohne dem Thema seine Ernsthaftigkeit zu nehmen.

Und so werden die fast drei Stunden für viele an diesem Vorpremierenabend zu einer Achterbahnfahrt, auf der wahrlich viel gerockt und gelacht werden kann, die aber nicht minder viel zum Innehalten bewegt. Film- und Videoeinblendungen frischen immer wieder unsere Erinnerungen auf – an Mauer und Stasi-Knast, an Stacheldraht und Verhöre, an Erpressermethoden und die Sehnsucht nach dem freien Land jenseits der Mauer. Das ist gut dosiert und nicht nervig angesichts der Bilder, die uns noch im Kopfe schwirren vom 20-jährigen Einheitsjubiläum vor wenigen Monaten.

Das Publikum erlebt vor allem eine Liebesgeschichte zwischen Udo und einem Mädchen aus Ost-Berlin. Seine 30 Songs (natürlich "Mädchen aus Ost-Berlin", "Odyssee", "Straßen-Fieber", " Wenn du durchhängst", "Sonderzug nach Pankow" und "Ich lieb dich überhaupt nicht mehr") tragen das Musical. Das klassische Udo-Outfit ebenfalls. Denn was wäre als Bühnenbild passender gewesen als ein überdimensionaler Lindenberg-Hut? Der wiegt drei Tonnen, ist begehbar und Herzstück eines beeindruckenden Bühnenbildes (Raimund Bauer).

Jeder, der dieses Musical besucht, wird es für sich interpretieren. Weil ganz persönliche Erinnerungen und Empfindungen bedient werden, weil die Gäste im Publikum diese deutsche Geschichte aus ganz verschiedenen Blickwinkeln diesseits und jenseits der Mauer erfahren haben. Aber wohl jeder wird aus dem Theater gehen, sich an Udo Lindenberg erinnern und einen seiner legendären Songs summen. Die haben Ost und West berührt – bis heute.