Schwangere Frauen, die Zigaretten rauchen, haben ein höheres Risiko, später kriminelle Kinder zu erziehen, ist da in großen Lettern zu lesen. Dem erstaunt-nachdenklichen "Mhmm" folgt ein heimlicher Seitenblick auf den nicht immer wohlgeratenen Nachwuchs. Hat ihre Mutter nun damals oder hat sie nicht? Nun gut, Papier ist geduldig.

Doch aufkommende Skepsis wird sofort mit einem Autoritätsargument niedergehalten. Das ist nämlich das Ergebnis einer Studie einer renommierten Universität mit einem fremd und gewichtig klingenden Namen, irgendwo in einem Staat der USA, die mit mehreren tausend Probanden genau dies ermittelt hat. Zweifel ausgeschlossen!

Man kann den Eindruck gewinnen, dass alles, aber auch wirklich alles in unserer Welt, und sei es noch so unsinnig, durch Studien belegt ist. Was wüssten wir über uns, wenn nicht Untersuchungen die Augen geöffnet hätten, dass Verliebte Farben anders sehen und Hunde Briefträger nur deshalb gern beißen, weil sie der Geruch der Briefmarken aggressiv macht? Solche Untersuchungen gestatten einen tiefen Blick in das Unbewusste.

Es existiert offenbar eine regelrechte Sucht nach Studien. Man braucht nur die explosionsartig gewachsenen Zahlen der Untersuchungen zu betrachten. Das mag daran liegen, dass die Ergebnisse so schön einfach sind, so plausibel wie pauschal. Es ist überaus hilfreich, wenn irgendwo eine Studie feststellt: Das Problem ist ganz tief im Menschen verankert, wahrscheinlich in den Genen oder noch besser in den Hormonen. Er ist nicht allein damit und weiß nun auch, dass er eigentlich nichts dafür kann. Das ist eben so! Kaum ist das verinnerlicht, geht eine Erleichterung durch die Brust. Man trägt lediglich den Makel der Masse und ist damit aus dem Schneider.

Vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb unsere Gesellschaft regelrecht süchtig nach Studien ist. Vor allem sind es Soziologen und Politiker. Die einen suchen nach den tief verborgenen Stellschrauben, die das Volk beeinflussen, während die anderen gern wissen möchten, wie man diese Stellschrauben bedient. Aber auch die Untersuchten gehen nicht leer aus. Wie angenehm ist doch die Bestätigung, dass man genauso denkt und fühlt wie die Mehrheit der Menschen. Das ist so eine Art Gradmesser der Normalität. Was die Mehrheit meint, kann nicht falsch sein, oder doch? Studien sind Seelenmassage für alle.

Und dann haben sie noch eine außerordentlich wichtige Funktion: Sie finden einen Grund, eine Ursache, ein Merkmal oder, wenn es gar zu schwierig wird, den Ursinn unserer Vorfahren, um zu beweisen, dass wir so und gar nicht anders handeln konnten. Wie trefflich lässt sich so jede Zuweisung von Verantwortung ins Nirwana versenken!

Es ist angenehm, sich in die Masse einzuordnen, die Richtung des Handelns von außen erhalten zu haben. Lediglich versprengte Individualisten dürften sich angewidert abwenden: Ich als einzigartiges Wesen handele als Ergebnis einer unbestimmten Masse? Niemals!

Die Gesellschaft als Massenerscheinung jedoch, mit ihren unzähligen Unzulänglichkeiten, Widersprüchen und Ungerechtigkeiten, braucht Studien wie die Luft zum Leben.

So ist die Sucht, alles und jeden in Studien zu erfassen, wohl ein Fall für die Soziologen. Vielleicht bringt mal eine Studie Klarheit in dieser Frage?