Vermutlich zum ersten Mal hatte am Sonanbend Massenets Oper "Werther" in Magdeburg Premiere. Im Theaterarchiv war sie bisher nicht zu finden. Die Oper in vier Akten entstand nach Goethes berühmtem Briefroman "Die Leiden des jungen Werther". Die musikalische Leitung in Magdeburg hatte Rudolf Piehlmayer, die Inszenierung der Engländer Walter Sutcliffe.

Von Liane Bornholdt

Magdeburg. Die Oper beginnt bereits in der Ouvertüre voller Leidenschaft. Die Magdeburgische Philharmonie unter Rudolf Piehlmayer ließ keinen Zweifel daran, dass ein wahrhaftiges Seelendrama zu sehen und vor allem zu hören sein würde, und dies mit allen Farben, in die wohl nur Massenet im Fortgang der Wagnerischen Klangzaubereien dieses zu tauchen verstand. Dafür konnte die Beleuchtung auf der Bühne eher sparsam ausfallen.

In einer großen schwarzen Wand öffnen und schließen sich Fenster, hinter denen sich die Schauplätze als Modelllandschaften im Diorama-Format finden. Einige von ihnen zeigen auch die ins Jenseits gerichteten Fantasien, so etwa, wenn Charlotte bereits während der Ouvertüre hoch oben als Lichtgestalt erscheint.

Walter Sutcliffe und sein Bühnen- und Kostümbildner Kaspar Glaner haben die Oper als eine Art Bilderbogen inszeniert, auf dem die Schauplätze unwirklich und die Personen fast statuarisch in der Art lebender Bilder erscheinen. Dies betrifft insbesondere die beiden ersten Akte, die im Freien, im Juni vor dem Hause des Amtmannes und im Septembersonnenschein vor dem Wirtshaus in Wetzlar spielen. Das dritte Bild, Charlottes Wohnstube am Weihnachtsabend, zeigt eine Bühne auf der Bühne, in der jeder spielerische Zauber getilgt ist. Dieser existiert nur mehr in der Erinnerung, in der Charlottes, deren Alltag trübe geworden ist, und in der Werthers.

Schließlich findet man im Todesakt Werthers Kammer als ein Spiegelkabinett, Spiegel, die spätestens seit Jean Cocteaus "Orphée" als Durchgänge in die Welt des Todes bekannt sind. Nach Werthers Tod bleibt Charlotte zwischen den Spiegeln zurück, aber nachdem sie ihr "Tout est fini" (Alles ist zu Ende") gesungen hat, ist durchaus nicht alles zu Ende. Die wundersame dramatische und poetische, Klangfarben und Melodien gesättigte Musik, der hinreißende Gesang der beiden Hauptdarsteller bleiben noch, klingen weiter, und man tut wohl gut daran, der Empfehlung des Dirigenten aus dem "Premierenfieber" vor 14 Tagen zu folgen. "Gehen Sie zweimal in die Oper", hatte er gesagt, "beim zweiten Mal hören Sie nur auf die Musik."

Eine Oper der Musik und des Gesangs

Ja, es ist eine Oper der Musik und des Gesangs. Dazu haben die Sänger ihren ausgezeichneten Beitrag geleistet. In der Titelpartie war Iago Ramos zu erleben. Sein italienisch gefärbtes Timbre gab jeder Schwärmerei den Ausdruck von Leidenschaft, jedem Leiden den der Verzweiflung. Prächtig wie er den Ton fand, den Massenet sich in dieser Oper aus Italien "geborgt" hat. Stimmgewaltig, aber auch schön differenziert sang Iago Ramos, immer mehr dramatisch als romantisch-schmachtend, so dass die wirkliche Gefühlskatastrophe dieses Helden jenseits von Selbstmitleid und bloßer Träumerei nachvollziehbar wurde.

Lucia Cervoni sang die Charlotte, und dies einfach hinreißend. Sie beherrscht alle Ausdrucksmomente vom Lyrischen bis zum Hochdramatischen und verströmt eine wahrhaftige Fülle des Wohllauts. Dabei gelingt es ihr, die Wechselbäder der Gefühle, ihr Schwanken zwischen Pflicht und Neigung, stimmlich darzustellen.

Mario Solimene sang den Albert, an sich eine eher undankbare Rolle und von der Inszenierung noch ein wenig ins Unsympathische überzeichnet. Aber auch er vermochte Glück, dann Eifersucht und herrische Ausbrüche stimmlich glaubhaft zu machen.

Die jüngere Schwester Sophie sang Julie Martin du Theil sehr zart, manchmal ein wenig zu zart, aber gut zur Rolle passend. Schließlich war Paul Sketris ein überzeugender Amtmann, dem die fröhlichen Gelage mit Schmidt (Chan Young Lee) und Johann (sehr komödiantisch Wolfgang Klose) näher sind als die Kinderschar, die er zu gern der Obhut Charlottes überlässt.

Der Kinderchor, ausgezeichnet einstudiert von Martin Wagner, gibt der Oper eine zusätzliche und sehr reizvolle Farbe. Rudolf Piehlmayer hat alle Klangfarben wunderbar austariert und feine, sorgsam ausgewählte Akzente gesetzt, etwa im warmen Blechbläserklang, den "Werthersoli" von Cello und Violine oder dem zauberhaften Zusammenklang von Altsaxofon und Harfe. In den Vorspielen der einzelnen Akte wie auch im Zwischenspiel zum Todesakt erzählt die Musik das ganze Drama in der verrinnenden Zeit. Man hört das Glück Werthers und Charlottes auf dem Sommerball, man hört den Wintereinbruch in Wetzlar und Werthers Todesschüsse. Vor allem hört man mitreißende Musik, die man weiter und weiter hören möchte.

Weitere Vorstellungen sind am 5., 11., 18. und 24. Februar.