Zwei Jahre nach seinem Tod nimmt John Updike endgültig Abschied von seinen Lesern. Mit "Die Tränen meines Vaters" erscheinen jetzt die letzten bisher noch unveröffentlichten Erzählungen der einstigen Ikone der US-Literatur.

Von Gisela Ostwald

New York (dpa). Leise, wehmütig und mitunter resigniert blickt John Updike zurück auf sein Leben. "Die Tränen meines Vaters" ist eine Sammlung von Erzählungen, die der US-Schriftsteller mit wenigen Ausnahmen in seinen letzten Lebensjahren verfasst hatte. Der 368-seitige Band, der jetzt beim Rowohlt Verlag erschien, ist der Schlusspunkt von Updikes monumentalem literarischen Werk: Etwa 60 Bücher, davon mehr als 20 Romane, veröffentlichte der gefeierte Autor bis zu seinem Tod 2009 im Alter von 76 Jahren.

Updike hat sich in vielen seiner Helden verewigt. Immer waren seine Geschichten ein Stück eigenes Leben. Das wird in "Die Tränen meines Vaters" besonders deutlich. Die autobiografischen Details, das Bedauern über verpasste Chancen, über Missverständnisse und die vielen außerehelichen Affären machen Updikes letzten Band zu einer Art Memoirensammlung. Wie zuvor schon in "Selbst-Bewusstsein" (1989) offenbart sich Updike seinen Lesern noch einmal schonungslos.

In der Titelgeschichte, "Die Tränen meines Vaters", tauscht er als angehender Harvard-Student das ländliche Pennsylvania gegen die Zukunft in Boston aus. Beim Abschied entdeckt der junge Updike ein "Glitzern" in den Augen des Vaters. Jener "sah sehr wohl voraus (...), dass wir immer weniger miteinander zu tun haben würden. Mein Leben war aus seinem gekommen, und jetzt stahl ich mich mit diesem Leben davon". Der Vater sollte recht behalten: Bald darauf schwärmt Updike von der Aufnahme in der Familie seiner Freundin, der frühen Hochzeit und dem ersten Kind.

Andere Geschichten widmet er seiner Jugend in Olinger, dem Synonym für seinen Heimatort Shillington, den ersten Küssen, den ersten Zigaretten, der jähzornigen Mutter und den Klassenkameraden, die er 50 Jahre nach Schulabschluss bei einem Jubiläum wiedersieht. Er schreibt über die gescheiterte Ehe, seine Kinder und Enkel, das Haus mit Blick aufs Meer, in dem er bis kurz vor seinem Tod lebt.

Auch die Deutschen, ihre Sprache und ihre angeblich typischen Verhaltensweisen knüpft sich Updike vor. "Deutschunterricht" heißt die Geschichte, in der er ein eingewandertes Lehrerehepaar aus Deutschland vorstellt. Bei den Muellers ist Ehemann Franz noch der unangefochtene Regent, wird gern und feuchtfröhlich gefeiert und unbefangen über die Hitlerzeit geplaudert.

Das Buch schließt mit einer Ode auf die bescheidenen Freuden des Alters. Updike schwärmt von dem Wasserglas, das abends im Bad auf ihn wartet. "Es ist ein kleines, ganz eigenes Vergnügen in einem Leben, in dem die spektakuläreren Freuden eingeebnet sind", schreibt er. "Meine lebensverlängernden Pillen in der linken Hand", hebe er das Glas zum Toast auf die "sichtbare Welt". Sein "bevorstehendes Verschwinden aus ihr sei verdammt", wettert der US-Schriftsteller ein letztes Mal. Er erlag am 27. Januar 2009 einem Lungenkrebsleiden.

Sein letztes Buch ist ein Juwel für alle, die Updike seit jeher lieben. Wer ihn noch nicht kennt, sollte sich spätestens jetzt mit den meisterhaften Porträts, den Gedanken zum Leben und speziell zum Altern sowie Updikes wunderbar klarer Sprache befassen. "Die Tränen meines Vaters" sind ebenso ergreifend wie amüsant und spannend zu lesen.

John Updike: Die Tränen meines Vaters, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 368 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-498-06889-9

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