Goethes Faust gilt als das Bravourstück der deutschen Bühnenliteratur, und die Theaterleute messen an diesem Stoff gern ihre Kräfte. In der Magdeburger Ära Stone / Jochymski stehen beide Teile in der Regie von Martin Nimz auf dem Programm. Am Wochenende hatte im Schauspielhaus "Faust I" mit einem Fingerzeig auf "Faust II" Premiere.

Magdeburg. Das Spiel beginnt im Foyer. Auf einer Drehscheibe, hoch über den Besuchern, diskutieren Direktor (Martin Reik), Dichter (Silvio Hildebrandt) und Lustige Person (Peter Wittig) darüber, wie eine Vorstellung beschaffen sein muss. Dieses Thema, ewig aktuell für Theaterleute, wird dann entsprechend als Bandschleife abgewickelt. Der Text versinkt ziemlich in der Unruhe des zahlreich erschienen Publikums.

Aber dann im Saal zwingen die Akteure die Zuschauer mit wunderbar disziplinierten Aktionen und akzentuierter Sprachbeherrschung durchgängig in gespannte Aufmerksamkeit.

Faust ist, wie das ausgezeichnete Programmheft (Dramaturgie Stefan Schnabel) informiert, als Figur (und Werk) als Vorbild verblasst und von jeglichen Zivilisationsidealen befreit. Jonas Hien verkörpert ihn deshalb auch mit einer zeitgenössischen Nüchternheit, die anfangs fast irritiert und dann fasziniert. Die Konfrontation mit Wagner (Silvio Hildebrand) dekliniert sich nahezu in eine partnerschaftliche Beziehung runter.

Hildebrand zeigt sich als Famulus gleichsam teilnahmsvoll besorgt. Als Hien dann den ganzen Weltekel des Faust in die Worte des Osterspaziergangs legt, den er aus sich herausbrüllt, nimmt die Inszenierung Konturen an. Sie bleibt dabei immer in dem Gestus einer seriös erzählten, spannenden Geschichte. Darin beschreibt sich die Stärke des Abends: unangestrengt zeitnah, werknah und dennoch innovativ.

Es fehlen Walpurgisnacht und Zauberkräfte. In der Hexenküche muss aus dem jungen Faust nicht ein jüngerer werden; er wechselt lediglich von einem Anzug mit Schlips und Kragen (Kostüme Ricarda Knödler) in einen anderen. Aber es fehlt auch die große Wette von Gott und Teufel: Regisseur Nimz begnügt sich mit der kleinen zwischen Mephisto und Faust. Alles kommt sehr irdisch daher, als Reflexion auf eine Welt, die es aufgegeben hat, daran zu glauben, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gibt als die gerade fassbare Gegenwart. Dem entspricht Axel Strothmanns völlig unaufgeregter Mephisto, der so stringent klar agiert, dass er einen verständnisvollen, souveränen Geschäftskompagnon abgibt.

Eindrucksvolles Gebet von Gretchen

Der Lebensbereich Gretchens (Heide Kalisch) und Frau Marthes verortet sich ebenfalls unaufdringlich und stimmig in heutigen Lebensvollzügen. Statt Brunnen und Lieschen die hämischen Freundinnen (Christiane-Britta Boehlke, Katharina Brankatschk und Babette Slezak; alle auch weitere Rollen), kein Kirchgang. Dennoch, überzeugend und eindrucksvoll Gretchens Gebet: ein Schreien in einen leeren Himmel, dann der hoffnungslose Zusammenbruch. Kalisch spielt die Figur als autonome, etwas herbe junge Frau, die ihre Eigenständigkeit auch in der Zerrüttung bewahrt. Diese letzte Begegnung Gretchens mit Faust ist bewegend. Den beiden Protagonisten gelingt hier Herausragendes.

Gretchen zur Seite steht eine lebenserfahrene und praktische Marthe. Iris Albrecht lotet dabei mit Schmackes und Witz alle Nuancen einer Frau mit erotischen Sehnsüchten aus. Raphael Nicholas als Schüler und Alexander Absenger als Valentin ergänzen das Ensemble

Wie wir es aus dem Computer gewohnt sind, gehen die Szenen ineinander über, nahtlos (Bühne Bernd Schneider). Doch am Ende ist alles handgeschöpft: Mephisto öffnet die Wand zu Gretchens Kerker und ruft einen völlig verzweifelten Faust zur Vernunft. Der verlässt die Sterbenselende, indem er, dem Schicksal ganz ergeben, sie in sich selbst abschließt. Da gerät Unmenschlichkeit zu einem Nebenbei, welches inhaltlich ein Mittendrin ist. In dieser frappanten Interpretation, das Drama des Fausts ausschließlich als Ereignis eigenen Handelns zu begreifen, erheben sich Situationen, in denen ganz einfache menschliche Probleme dominieren, zu Höhepunkten.

Nach einer Pause erfolgt noch ein Einblick in den zweiten Teil des FAUST, ein Ausblick auf den Gipfel, den das Ensemble noch zu erklimmen hat, nachdem der Berg Teil I so glanzvoll bezwungen wurde.