"Offene Zweierbeziehung" von Franca Rame und Dario Fo ist Anfang der 1980er Jahre auf die Bühnen der Theater gekommen und war für fast ein Jahrzehnt eines der meistgespielten Stücke. In Stendal erwacht es nun wieder zum Leben. Allerdings dem Zeitgeist angepasst!

Von Birgit Tyllack

Stendal. Im Original erzählt Protagonistin Antonia über ihren täglichen Kampf mit überschüssigem Hüftspeck, der Hausarbeit und der Tatsache, dass ihr Ehemann ein notorischer Fremdgeher ist, der jegliches sexuelles Interesse an der eigenen Ehefrau verloren hat. Mit schöner Regelmäßigkeit will sie sich umbringen, doch ihr Ehemann weiß das routiniert zu verhindern. Ihre Selbstmordversuche nerven ihn und deshalb will er sie aus dem seelischen Tief herausholen. Tatsächlich kann er sie irgendwann zu einer offenen Zweierbeziehung überreden. Sie soll ebenfalls ein freizügiges Sexualleben ausprobieren. Das ist leichter gesagt als getan. Doch eines Tages gibt es wirklich einen jungen Mann in ihrem Leben. Damit hat der Ehemann dann doch nicht gerechnet …

Dieses Thema ist typisch für die 1980er Jahre. Und doch irgendwie auch bis zum heutigen Tag aktuell. Regisseur Jonas Hien fand es jedoch nicht aktuell genug. Immerhin habe sich – laut Programmheft – 25 Jahre nach der deutschen Erstaufführung "die Frau als der tüchtigere Mann erwiesen: leistungsorientierter, teamfähiger, multitaskingfähig".

Also inszenierte Hien einen höchst amüsanten Rollentausch, gespickt mit Seitenhieben auf das neue Geschlechterbild.

Auf der Bühne des Theaters der Altmark ist Bernd Schmidt, geborener Schneider, derjenige, der unter seiner untreuen Ehefrau Antonia leidet. Gespielt wird dieser Jogginghosen tragende und Staubwedel schwingende Hausmann von Michel Haebler. Aggressiv, hysterisch und laut in einem Moment, im nächsten fürchterlich Mitleid erregend und weinerlich.

Schauspielerin Claudia Lüftenegger mimt die nymphomanische Gattin und schlüpft für einige Szenen auch schon mal in die Rolle des halbwüchsigen Sohnes. Die beiden Schauspieler des Stendaler Ensembles bieten ein höchst sehenswertes und temporeiches Zusammenspiel.

Das Publikum kommt aus dem Lachen kaum heraus, denn ein Wortwitz reiht sich an den anderen. Die Bühne wird häufig verlassen, körperlich und verbal. Motto: "Was soll’s? Wir sind auf einer Bühne, da ist alles möglich!" Auch das sorgt für viel Heiterkeit im Publikum.

Christopher Melching hat mit drei Stellwänden ein Bühnenbild geschaffen, das einerseits die Enge des häuslichen Daseins vor Augen hält und andererseits den Schauspielern viel Platz zum Agieren lässt. "Offene Zweierbeziehung" (mit zeitgemäß vertauschten Rollen) ist anderthalb Stunden köstliche Unterhaltung.