Wenn die Tänzerin Valeska Gert in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts auf der Bühne stand, hatte dies wenig mit der Anmut einer Ballerina oder der Eleganz eines Walzertanzes zu tun. Sie warf Arme und Beine von sich, schrie, heulte auf oder erstarrte plötzlich unerwartet. Das Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte (HBPG) in Potsdam widmet der jüdischen Künstlerin eine Ausstellung.

Von Katharina Wiechers

Potsdam (dapd). Schon Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts wagte sich Valeska Gert an expressionistische Tanzformen und groteske Pantomime heran und war damit eine der ersten überhaupt. Mit Performances wie "Lärm", "Verkehr" oder "Pause" habe sie die Hektik des Großstadtlebens persifliert, erklärt eine der Kuratorinnen der Ausstellung, Elke-Vera Kotowski vom Moses Mendelssohn Zentrum (MMZ) in Potsdam. Damit fand Gert in den 1920er Jahren, als der Expressionismus auch die moderne Malerei bestimmte, großen Anklang beim Berliner Publikum. Viele waren fasziniert von der ungewöhnlichen Frau, die sich bald in die Avantgarde der Zeit einreihte: Sie verkehrte mit Bertolt Brecht, Kurt Tucholsky oder Otto Falckenberg.

Die Nazis erklären ihre Kunst als "entartet"

Doch die Nationalsozialisten erklärten Gerts Kunst bei ihrer Machtergreifung 1933 als "entartet". Ohne Bühne für ihre experimentelle Kunst und als Jüdin verfolgt, floh Gert schließlich über England in die USA.

Wie für viele andere Künstler sei die Verfolgung durch die Nazis und die Flucht ins Ausland ein Bruch in ihrer Biografie gewesen, sagt Kotowski. Nie wieder habe sie an die Erfolge anschließen können. Mit Ausstellungen wie dieser wolle das MMZ, das sich europäisch-jüdischen Studien widmet, an solche Lebensläufe erinnern.

Zudem wolle man zeigen, wie Gert bis heute die Künstler beeinflusse, sagt Kotowski. Neben originalen Film- und Tonaufnahmen der 1978 gestorbenen Tänzerin sollen deshalb Werke zeitgenössischer Künstler gezeigt werden, die sich auf Gert beziehen. Daher auch der Name der Ausstellung, ein Zitat Gerts: "Ich will leben, auch wenn ich tot bin."

Neben ihrer Leidenschaft für das Tanzen und einigen Auftritten als Schauspielerin habe Valeska Gert auch eine neue Art der Abendunterhaltung entwickelt, die man heute vielleicht als "Erlebnis-Gastronomie" bezeichnen würde, sagte Kotowski. Erst in New York, später in Berlin und dann auf Sylt betrieb sie Bars, in denen die Kellner nicht nur dazu da waren, den Gästen Getränke zu bringen, sondern auch, um sie mit Lesungen, Aufführungen oder kleinen Konzerten zu unterhalten. Künstler wie Klaus Kinski präsentierten sich dort erstmals einem Publikum.

Gert selbst wagte sich auch an das politische Kabarett und schlüpfte in dem Stück "Die Kommandeuse von Buchenwald" in die Rolle der Ilse Koch, der Frau eines KZ-Kommandanten, die besonders gegenüber weiblichen Häftlingen als besonders brutal galt. Erneut gelang ihr damals im Nachkriegs-Berlin der 50er Jahre ein Tabubruch.

Auch äußerlich auffallend

Auch äußerlich war Valeska Gert immer eine auffallende Persönlichkeit: Zu ihren dunkel geschminkten Augen trug sie fast nur schwarze Kleidung und bis ins hohe Alter einen frechen Kurzhaarschnitt, dazu stets knallroten Lippenstift.

Der Autor Wolfgang Müller habe einmal die These aufgestellt, Valeska Gert sei der erste Punk gewesen, sagt Elke-Vera Kotowski. "Und wenn man an Figuren wie Nina Hagen denkt, mag das vielleicht sogar stimmen."