"Hamlet" ist theatralisch gesehen ein Mythos. In dem Stoff spiegeln Generationen und Zeiten sich immer neu und verschieden. Durch die Jahrhunderte suchen Theaterleute ihre Sicht auf Welt und Menschen im berühmtesten Drama William Shakespeares zu entdecken. Die Erwartungen an jede Aufführung sind deshalb hoch. Jan Jochymski präsentierte seine Version am Sonnabend im Schauspielhaus.

Magdeburg. Zu den Habenseiten der Inszenierung zählt zweifellos die Übersetzung. Das Regieteam (Dramaturgie Stefan Schnabel) nutzt eine Textfassung von Angela Schalanec und Jürgen Gosch, die einen modernen Sprachgestus bietet, ohne nach schrillen Moden zu haschen. Ähnlich das gelungene Kostümkonzept (Thilo Reuter): Unprätentiös wandelt sich Renaissance in Gegenwart und gibt so einen Fingerzeig auf Heutigkeit.

Der Abend beginnt mit einem gekonnten fulminanten dramatischen Auftakt: Blitz und Donner, Nebel, zwei Kämpfende, dazwischen eine weißgewandete Frau. Dann Stille, klarer Blick auf eine Ruinen(Foto)landschaft (Ausstattung Thilo Reuter), eine einsame, dunkel gekleidete Gestalt, ein schwarzer Vogel stürzt tot vom Himmel. Später fallen sie dutzendweise herab – Zeichen für eine nahende Apokalypse? Das Zeichen wird später nicht wieder aufgenommen. Solch eindrucksvolle Bilder, die in der Deutung über die Szene hinausreichen, findet die Regie später dann eher selten.

Jochymski erzählt gradlinig und legt Wert auf dramatische Höhepunkte, die er punktgenau und wirkungsmächtig in Szene setzt. Die inneren Konflikte der Figuren jedoch kommen oft zu kurz. Die Geschichte gerät häufig eindimensional. Da schöne Einfälle nicht überzeugend genutzt werden, helfen sie, wie die Hamlet-Puppe, nicht.

Die Vernachlässigung einer differenzierten Rollenpsychologie erschwert es den Akteuren, zu einer lebendigen, überzeugenden Darstellung zu finden. Martin Reik als Claudius wirkt massiv, als einer, der sein Ding durchzieht; ihm fehlt aber das Staatsmännische, das Werbende, das Demagogische. Iris Albrechts spielt eine kräftige, selbstbewusste Königin, deren Zerrissenheit jedoch wenig ausgeformt ist. Julia Schubert gelingt es nicht, Ophelia als starken Part im Handlungsgefüge des Stücks zu etablieren. Das wiegen auch die fast kitschig anmutende Allgegenwart in der Schlussszene und der Todeskuss nicht auf. Massive Striche in der Wahnsinnsszene schränken die Aktrice zudem schauspielerisch deutlich ein.

Ophelia zur Seite steht ihr Bruder Laertes, den Marc Rißmann ausschließlich als ungestümen Brausekopf skizziert. Als beider Vater Polonius bleibt Silvio Hildebrandt ungewöhnlich blass. Andreas Guglielmetti und Frank Benz spielen Rosencrantz, Guildenstern, die zwei Totengräber und Höflinge. Sie suchen die Dreifachbesetzung zur Tugend zu machen, indem sie einen clownesk anmutenden Gestus für alle verwenden. Das Verfahren erscheint legitim, verwischt aber die Prägnanz der Figuren Rosencrantz und Guildenstern und bremst die Konfliktschärfe des Stücks ab.

Horatio überrascht als starker Partner

Isolde Kühn, Joachim Schlüter, Bernd Vorpahl und Peter Wittig geben die Crew der Schauspieler im Schauspiel und leisten, was hier notwendig ist: eine stringente genaue Spielweise und dazu eine wohltuende deutliche Artikulation. Raphael Nicholas verkörpert den Fortinbras ohne Besonderheiten. Der Horatio von Alexander Absenger aber überrascht. Dieser Horatio erwächst zu einem starken Partner Hamlets: Er gebärdet sich nicht nur mitfühlend, wie es in der Aufführungstradition Gewohnheit ist, sondern er ist ständig präsent. Er drängt. Er greift ein.

Den Hamlet legt Regisseur Jochymski weder als großen Zögerer noch als aggressiven Haudrauf-Hamlet an, weder als tatsächlich Wahnsinnigen noch als analysierenden Intellektuellen: Bastian Reiber zeigt den Hamlet einfach als einen jungen Mann, der auf der Schwelle zum Erwachsenwerden herumtritt.

Die Welt, wie sie ist, überfordert diesen Hamlet. Und da er wechselnde Handlungsstrategien vergeblich auf Erfolg absucht, prägt ihn Unsicherheit mehr als etwa jugendliche Lust an der Herausforderung oder geistigem Witz. So dominiert in der Polonius-Szene eben der Habitus als Provokation und nicht das brüskierende Wort. Einerseits überzeugt diese Interpretation konzeptionell, beschneidet jedoch andererseits die Strahlkraft der Figur in ihrer Wirkung.

Ist dieser Magdeburger "Hamlet" tatsächlich das Abbild einer Generation im 21. Jahrhundert, wie die Werbung suggeriert? Vielleicht hat Jochimski da zu kühn gepokert.