" Eine Bombe, als Geschenk verpackt ", sagte der Surrealist André Breton über die Malerin Frida Kahlo. Kaum eine Künstlerin des 20. Jahrhunderts ist derart offen mit dem Leiden an der Liebe und dem eigenen Ich umgegangen wie sie – eine große Retrospektive in Berlin gibt Einblick in das Werk dieser Heldin der Frauenbewegung.

Berlin ( dpa ). Heilige und Geliebte, Märtyrerin und Versehrte – die Selbstporträts von Frida Kahlo sind Ikonen der Moderne. Die drastische Eigendarstellung mit Schnurrbart und buschigen Augenbrauen, mit Affen auf der Schulter und Dornenkranz um den Hals zieren Kalender und Postkarten, Leinenbeutel, TShirts und Kaffeetassen. Sie mag auf den ersten Blick schwer zu verstehen sein, der globalen Vermarktung von Mexikos Mona Lisa hat es nicht geschadet.

Frida Kahlo ( 1907-1954 ) zählt heute zu den populärsten Malerinnen der Moderne. Der Berliner Martin-Gropius-Bau präsentiert bis zum 9. August die bisher wohl größte Retrospektive der Künstlerin in Deutschland.

Sie habe sich zu einem " universalen Phänomen " entwickelt, sagte die Kuratorin Helga Prignitz-Poda. Mit einem Kraftakt hat das Ausstellungshaus des Bundes dem Flugchaos und der Vulkanasche getrotzt und bis knapp vor Eröffnung zusammengestellt, was auf dutzenden Sammlungen verstreut ist.

Vor allem gelang es, die beiden größten Kahlo-Kollektionen für die Schau zu gewinnen : Das Museum Dolores Olmedo Patino in Mexiko und die Jacques und Natasha Gelman Collection. Zu sehen ist auch eine von Fridas Großnichte Cristina Kahlo zusammengestellte Auswahl von Fotografien ihres Vaters, des in Pforzheim geborenen Fotografen Guillermo Kahlo, und ihres langjährigen Liebhabers Nickolas Murray, mit denen Fridas Biografie nacherzählt wird.

Die vom körperlichen Leiden gezeichnete Künstlerin war lange wegen ihrer beiden turbulenten Ehen mit dem Maler Diego Rivera ( 1886-1957 ) und der Affäre mit dem russischen Revolutionär Leo Trotzki bekannt, der in Mexiko im Exil lebte. In den siebziger Jahren wurde auch ihr kreatives Werk verstärkt jenseits der Grenzen Mexikos zur Kenntnis genommen.

Im Seitenflügel des Gropius-Baus können die Besucher nun bis Anfang August in das Universum der Magdalena Carmen Frida Kahlo Calderón eintauchen, die ihre Gemälde gerne mit einem Wäscheschrank als Wunderkammer verglich : Anstelle des erwarteten Hemdes sollte der Betrachter beim Öffnen der Tür einen Löwen finden.

Mehr als 150 Gemälde und Zeichnungen spüren der Entwicklung Kahlos nach – von der Avantgarde in der Zeit nach der mexikanischen Revolution bis zu der von Kahlo im Surrealismus verankerten Bildersprache aus den letzten Lebensjahren. ie auf Madonnen-Bildern zeigt sich Kahlo in ihren Eigenporträts, die auf ihr frühes Interesse für die Renaissance-Malerei und die Vorliebe für Jan Breughel und Hieronymus Bosch hinweisen.

Von den insgesamt 145 Gemälden sind allein 60 reine Selbstporträts, auch in den Stillleben versteckt sie sich. " Meistens malte sie sich selbst, weil sie sich einsam fühlte ", sagte Prignitz-Poda.

Oft liegt die Botschaft auf der Hand, wie etwa im " Selbstbildnis als Tehuana oder Diego in meinen Gedanken ", bei der Kahlo sich das Gesicht ihres Ehemannes als ein drittes Auge auf die Stirn malt und Diego Rivera dann selber ein drittes Auges verpasst. Oder wenn sie unter einem großen Trichter die Lügengeschichten und Frauenaffären ihres Mannes verdauen muss. Korsett mit Hammer und Sichel.

Wie in Hypnose blickt Kahlo aus dem " Selbstbildnis mit Dornenhalsband ", wieder in indianischer Tehuana-Robe. Diese Bilder werden zwischen 1937 und 1945 zu Kahlos Markenzeichen. Sie dienen der Eigentherapie angesichts des körperlichen Gebrechens nach dem schweren Busunglück, bei dem sich ihr mit 18 Jahren eine Metallstange in den Körper bohrt.

Sie wird immer wieder ein Korsett tragen müssen, auf das sie später Hammer und Sichel in Rot malt und das in Berlin erstmals öffentlich gezeigt wird. Und so blickt sie gnadenlos nach innen, etwa in der " Zerbrochenen Säule " von 1944. Damals hatte Frida bereits mehrere Operationen an der Wirbelsäule hinter sich, ein Stahlgestell stützte ihr Rückgrat.

Zu den kleinen Sensationen der Ausstellung gehört Kahlos letztes Porträt. " Selbstbildnis inmitten einer Sonnenblume " ( 1954 ), das lange als verschollen galt, zeugt von viel Hoffnungslosigkeit.

Frida sieht sich als verblühende Sonnenblume, ein Holzofen dient als Metapher für das Feuer der verzehrenden Liebe. Es ist ein Abschied in tiefer Trauer.