Von Dorothea Iser

Magdeburg. Am 27. April schloss die am 6. Juni 1918 geborene Liselotte Klose für immer die Augen. Sie hatten von der Welt getrunken. Lichtdurchflutet im Spiel mit Farben und Formen, die entstehen und verwehen. Lieselotte Klose malte, was sie liebte. Es war ihre Art zu leben.

Sie versuchte, den Augenblick festzuhalten.

Die Malerin Lieselotte Klose hätte gelacht bei meinen Worten. Ihr Schreiber, ihr macht alles so kompliziert! Sie liebte das Einfache.

Wer zu ihr kam, musste Zeit haben. Dabei lebte sie scheinbar zeitlos in ihrem Haus. Der Blick in ihren Garten lud ein, die Sinne erholten sich von der Überdosis Alltag, das Herz öffnete sich. Es war das Eintauchen in einen besonderen Raum. Er atmete Schönheit. So empfand ich die Besuche bei ihr. Bei Tee und Gebäck erzählte sie, und ich versuchte, mir vorzustellen, wie sie als Sechzehnjährige den Weg zur Fabricius fand. Herzklopfend. Das Mädchen und die Meisterin. Heinz Kruschel hat darüber geschrieben. Durch ihn lernte ich die Klose kennen. Als ich mit dem Schreiben begann, schenkte er mir ein Blumenaquarell von ihr. Die rote Blüte des Wintersterns verband sich für mich mit dem Wunsch, der Malerin zu begegnen. Sie kam ihren Gästen freundlich entgegen, wirkte bescheiden und strahlte doch Sicherheit aus, wie sie Menschen eigen ist, die unangefochten tun, was sie tun müssen.

Ihr Leben ließ ihr keine andere Wahl. Malen, was denn sonst. Die Eltern bestanden auf einer Ausbildung, die ihren Broterwerb sicherte. Sie lernte perfekt Stenografie und Maschineschreiben, arbeitete sieben Jahre in einem Büro und nahm Privatunterricht bei der Aquarellistin Mathilde Fabricius. In den Kriegsjahren war sie in Berlin und lernte bei den Professoren Klaus und Orlowski. Die Bombardierungen trieben sie nach Weimar. An der Hochschule für Bau und Bildende Kunst wurde sie Studentin bei Professor Gugg, bevor der totale Krieg sie nach Magdeburg zurückführte. Dienstverpflichtet in der Kriegswirtschaft arbeitete sie wie andere Frauen im Keller einer Maschinenfabrik.

Das Wohnhaus der Familie wurde zerstört. Lieselotte Klose begann von vorn. Sie malte zunächst auf unbedrucktem Zeitungspapier.

1947 heiratete sie den Ingenieur Otto Klose, der als Antifaschist im Widerstand gewesen war. Er beeinflusste auch ihre politische Haltung. Lieselotte Klose liebte ihr Leben, in dem sie sich eigenen Raum schuf.

Wir befreiten bei meinem Besuch ihre Bilderwelt aus Sammlermappen. So viel Mohn. In ihren Augen so viel Glanz. Als hätten sie nicht das Elend gesehen. Inflation, Krieg, Vernichtung, Angst, Ohnmacht. Oder malte sie so, weil sie das Elend gesehen hatte?

Ihre Seele suchte Rettung. Ist das zu hoch gegriffen, wenn ein Mensch verwirklicht, was das Leben mit ihm vorhat? Sie malte Kinder, Blumen, das Meer, Fischerhütten. Alles, was lebte, war Hoffnung. Zu viel Harmonie?

Ja, es gibt Schrecken auf der Welt, sagte sie. Ich zeige den Menschen, wofür sich unser Leben lohnt. Ich helfe ihnen, die einfache Schönheit wahrzunehmen. Durch meinen Blick.

Eine kleine Pause entstand, als käme ihr unangemessen vor, was sie sagte.

Als sie mich vor Jahren besuchte entdeckte sie ihre Aquarelle unter Glas. Adventssterne, Sonnenblumen und Strand. Zerzauste Kiefern, Nebelmeere.

Lieselotte Klose bekannte sich zur Harmonie. Die Sehnsucht nach Heilung der Welt, nach Zusammenführung von Gegensätzen zu einem harmonischen Ganzen auch im einzelnen Menschen, lebt im Natürlichen. Das berührt durch das Einfache.

Sie hätte es nicht so gesagt. Aber sie malte es. Von Emil Nolde ist die Rede. Die Seelenverwandtschaft ist unverkennbar. Ihre Aquarelle bestehen neben seinen Bildern. Sie sind erschwinglich geblieben, ohne Anspruch, eine sichere Geldanlage zu sein, hängen in Krankenhäusern. Harmonie, Freude, Heilungsanteile. Trost auf Krebsstationen und in Kinderkliniken.

Lieselotte Klose rief mit ihren Bildern Leben in die Welt. Bescheiden, beharrlich, unbeeindruckt von den jeweiligen Tendenzen der Kultur- und Kunstentwicklung. Sie war in Betrieben unterwegs, sie malte Nachbarn, Kollegen, Freunde und Fremde. Kinder liebte sie ganz besonders.

Warst du in Japan?

Bei den Gedanken an ihre Reisen kam sie ins Schwärmen. Erinnerungen, mit wenigen Pinselstrichen festgehalten. Sie malte den Fujiyama, die Kirschblüte und bewunderte den alten chinesischen Kollegen, der mit wenigen Strichen hintuschte, wie ein Berg aus dem Nebel hervorkam. Sie stellte in Japan aus. Einen besonderen Reiz übten Haikus auf sie aus. Die kleine strenge Form der Lyrik, die aus Japan kommend überall auf der Welt Freunde fand. Liselotte Klose suchte auch in ihrem Freundeskreis nach Begeisterten dieser Lyrikform. So fand sie ihren Dichter. Reiner Bonack, der stille und bescheidene Mann, begleitete sie fortan als Freund. Auch eine Seelenverwandtschaft. Er verließ sie nicht. Selbst als sie Haus und Garten aufgeben musste, blieb er an ihrer Seite. Anfangs malte sie im Heim noch Schwestern, die sie versorgten, freute sich über den Besuch von Freunden. Später vergaß sie. Die Natur ist eine Malerin. Lieselotte Klose führte ihr die Hand. Lichtdurchflutet entsteht uns nun mit den Aquarellen auch das Bild der Malerin, einer zarten Frau, die nicht älter zu werden schien und immer gesund war, solange sie sich selbst versorgen konnte. In innerer Ruhe offenbart sich Schönheit. Das ist ihre Botschaft. Wir fühlen sie tief in uns. Lebendig und freundlich, wie wir Lieselotte Klose in Erinnerung behalten werden.