Es war kein leichter Moment, als ich mir vor dem Küchenfenster eingestehen musste, dass meine australischen Feuerradbaum-Setzlinge den nächsten Tag nicht mehr erleben würden. Mit einem Gläschen trockenen Rotweins in der einen und dem Anzuchtschälchen in der anderen Hand begab ich mich auf den Weg in den Garten, um sie auf dem Komposthaufen beizusetzen und Abschied zu nehmen.

Als ich die Wohnzimmertür öffnete, fiel mein erstaunter Blick auf Harald. Mein Freund hatte es sich auf der Terrasse bequem gemacht und begrüßte mich mit den Worten: "Sei mir willkommen, Gefährte". Dann umarmte er mich auf ungewöhnlich kräftige Weise und fragte, was ich von Australien halten würde. Etwas ratlos entgegnete ich: "Als Urlaubsziel?"

Haralds Antwort "als neue Heimat für uns beide" machte einen großen Schluck aus meinem Glase unabwendbar. Noch bevor mein Gesäß die Sitzfläche eines Teakholz-Stuhles erreicht hatte, begann eine Rede, deren Intensität mich fasssungslos machte.

"Ich werde dieses Deutschland zu den Akten meiner Lebensgeschichte legen!" rief mein Freund in den einsetzenden Nieselregen. "Denn ich bin es leid, von herrschsüchtigen und machtbesessenen Politkomparsen regiert und negiert zu werden, die ständig glauben, mit ihrem nur vermeintlich intellektuellen Ejakulat den Zeitgeist verkleistern und die fleißigen Werktätigen hinter ständig neue Lichter führen zu können. Irgendjemand braucht ein paar Milliarden? Kein Problem – wir haben doch das Volk, das ist zwar schon völlig besteuert, aber da wird schon noch was gehen … "

Haralds Empörung hatte eine Dimension erreicht, in der er Gefahr lief, vom Sturm seiner eigenen Entrüstung hinweggefegt zu werden. Mit der Frage: "Auch ’n Gläschen?" versuchte ich, die Stimmung zu normalisieren, hatte aber keinen Erfolg, denn er fuhr unbeirrt fort. "Sind wir Deutschen wirklich so abgestumpft, dass unser Protestosteron-Spiegel völlig erblindet ist und wir unser eigenes Leid darin nicht mehr sehen können? Ist es nicht an der Zeit, den Blick gegen unsere Peiniger zu richten und ihnen ein millionenfaches ,Nein!‘ entgegenzuschmettern? ,Nein!‘ zu Strompreiserhöhungen, ,nein!‘ zu Benzinpreiserhöhungen, ,nein!‘ zu Billiglöhnen und ,nein!‘ zu ihrer schamlosen Selbstherrlichkeit! Ist es nicht an der Zeit, mein Freund?"

Harald hatte es wieder einmal geschafft, mich sprachlos zu machen. Ich überlegte lange, ehe ich etwas in die Debatte einflocht: "Ich fürchte, dass du dafür keine Mehrheit findest. Der Deutsche an sich scheint schon lange nicht mehr zum Protest zu neigen. Vielleicht, weil er – insgesamt gesehen – doch noch zu satt ist. Du wärst der einsame Rufer in der Wüste."

An dieser Stelle hob mein Freund die rechte Augenbraue und rief: "Genau – und deswegen Australien. Was hältst du davon?" Ich zögerte zu lange, und Harald legte nach: "Sieh mal, selbst du kannst nicht bestreiten, dass unser Leben an uns vorbeirauscht. Die Frage ist nun, ob dieses Lebensgeräusch ein Tinitus oder das Meeresrauschen ist. Und was dich hier erwartet, brauch’ ich dir wohl nicht zu sagen …"

Als Harald wissen wollte, was eigentlich aus meinen sterbenden Setzlingen mal werden sollte und ich betrübt "australische Feuerradbäume" hauchte, hatte sein Grinsen etwas Dämonisches …