Der Schriftsteller Hermann Kant wehrt sich dagegen, als " Stasi- Spitzel " bezeichnet zu werden. In einem Gespräch mit Wilfried Mommert von der Nachrichtenagentur dpa verteidigt der frühere Präsident des DDR-Schriftstellerverbandes und heute 83-jährige Autor seine kulturpolitische Haltung in der DDR, meint aber, die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann 1976 sei ein Fehler gewesen.

Frage : Teilen Sie die Auffassung von Nobelpreisträger Günter Grass, dass man Deutschland zwar in politisch, wirtschaftlich und militärisch unterschiedliche Staaten teilen konnte, aber niemals die deutsche Kulturnation ?

Hermann Kant : Ich hielt und halte die Vorstellung, die Günter Grass von einer alle politische Realität überwölbenden Kulturnation hegt, für liebenswert, aber wirklichkeitsfremd. Er hatte 1985 beim KSZE-Kulturforum in Budapest vorgeschlagen, die Teilnehmerstaaten sollten eine unabhängige Kultureinrichtung ( mit Fernsehen, Funk und Presse, d. R. ) stiften, und ich habe nicht nur meine Zweifel angemeldet, sondern auch ein kleines Buch (" Die Summe ") dazu geschrieben. "

Frage : Entwickelten sich durch die Teilung auch zwei deutsche Kultursprachen ?

Kant : Von zwei deutschen Kultursprachen weiß ich nichts, von zwei Kulturbegriffen schon. Freilich konnte es passieren, dass im Roman " Das Impressum " aus " O, Auswerters Leiden !" ein " O, aus Werthers Leiden !" wurde. Aber das hatte mit Kulturpersonen, etwa Lektorinnen, zu tun. Aber generell : Die DDR-Literatur war kein " Druckfehler ", sondern ein Abdruck anderer Verhältnisse.

" Bei dem Wort Informator wäre ich

zurückgescheut "

Frage : Welchen Stellenwert hatte die Literatur in der DDR ?

Kant : " In der DDR wurde die Wirkung von Literatur überschätzt, in der BRD wurde diese Wirkung unterschätzt. " Die Blechtrommel " entsprach nicht den politischen, moralischen, literarischen, pädagogischen Vorstellungen der für die Drucklegungen Zuständigen. Sie widersprach denen sogar, also gab man anderen Büchern den Vorzug. Es bedurfte langer Einreden, das zu ändern.

Frage : Haben Sie sich tatsächlich an vorher festgelegte Diskussionsbeiträge bei Schriftstellertreffen gehalten, wie es in einer Notiz in einer Stasi-Akte über eine Veranstaltung in Den Haag heißt ?

Kant : Das ist nicht die erste oder letzte der Lügen, die zu gewissen Zeiten in den Papieren stehen, aber eine besonders faustdicke ist sie schon. In der Tat nahm Kurt Hager ( SEDKulturfunktionär, d. R. ) bei Gelegenheiten seinen Part, der zur " führenden Rolle der Partei " gehörte, durch vorgeschaltete Beratungen wahr.

In summa lief es auf den Hinweis hinaus, dass man sich vor den Machinationen des Imperialismus in Acht nehmen müsse ... Wenn es jemand verwundert, dass ich Kongressreden nicht als Privatveranstaltungen behandelte, ist Verwunderung auch auf meiner Seite, denn dann wird vergessen, wie der Staat beschaffen war.

Frage : Bleibt es dabei, dass Sie sich nie als ein IM der Stasi gesehen haben ?

Kant : Natürlich bleibt es dabei. Ich habe Kürzel wie KP, GI oder IM ( Kontaktperson, Geheimer Informant, Inoffizieller Mitarbeiter d. R. ) nicht einmal gehört. Nie hat sich jemand als mein Führungsoffizier zu bezeichnen gewagt, und entgegen den Behauptungen der Berichte in den Stasi-Akten wurde wohlweislich nie versucht, mir einen Auftrag zu erteilen. Weshalb ich auch keinen erfüllt haben kann. Schon bei dem Wort " Informator " wäre ich zurückgescheut.

Ich habe mit Leuten des Ministeriums für Staatssicherheit gesprochen, weil es albern gewesen wäre, ganz für die DDR zu sein, aber nicht mit deren Sicherheitsministerium zu reden. Aber wer auch weiß, was mir der Status eines " Freischaffenden " in der DDR bedeutete, sollte ahnen können, wie sehr ich meine Unabhängigkeit hütete. Ob es nun " Amtspflichten " bestimmter Leute zur Auskunft gab, kann ich nicht mit Sicherheit sagen, weil mir niemand damit gekommen ist. Ich nehme an, für hauptamtliche Leiter verstand sich das ähnlich von selbst, wie es für mich als den langjährigen SEDParteisekretär kein Problem damit gab.

Frage : Ist die Stasi auch an ihrem eigenen Übereifer und an ihrer Sammelwut für Kleinkram erstickt ?

Kant : Da ich von dem Kram nur kenne, was der Herr Gauck dem Herrn Corino und die Frau Birthler dem Herrn Schlüter zur Verwertung übergeben haben, bin ich auf Vermutungen angewiesen. Und leiste mir die Ansicht, dass es – zu meinem anhaltenden Bedauern, wohlgemerkt – mit der DDR auch deshalb nichts wurde, weil ihre Kronenwächter dem Heer wirklicher Feinde ganze Heerscharen erdachter Widersacher hinzugefügt haben. In meinem ersten Roman, " Die Aula ", sagt der Parteisekretär Haiduck ganz im Sinne meines letzten Romans, der " Kennung " heißt : " Misstrauen schießt auf Gespenster. Das ist Munitionsvergeudung, und die ist strafbar. "

Frage : Ihnen wird noch heute Ihre Haltung als Präsident des DDR-Schriftstellerverbands

1979 beim Ausschluss von Kollegen wie Stefan Heym, Jureck Becker und Erich Loest, die gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestiert hatten, vorgeworfen. Hätten Sie sich rückblickend gesehen auch anders verhalten können ?

Kant : Ich wollte den Verband als das erhalten, was er nicht zuletzt durch meinen Einfluss geworden war. Ich wollte nicht alles zerschlagen lassen. Ich habe dem Verband – bei großen Verlusten – zehn weitere Jahre gerettet. Keine Kleinigkeit für seine Mitglieder – ob sie nun in Publikationsfragen einen Fürsprecher brauchten oder in Rentenfragen ihre Entgeltpunkte zählten.

Im Übrigen habe ich mich für die Publikationsmöglichkeiten von Biermann-Anhängern auch mit den Worten eingesetzt : " Diese Leute wurden aus dem Verband ausgeschlossen, nicht aus der Literatur !"

"… weil ich wusste,

was damit alles zu

Ende ging "

Auch habe ich die Biermann-Ausbürgerung nicht mitgetragen. Nicht aus Sympathie für Biermann, sondern weil ich wusste, was alles damit zu Ende ging. Selbst ein Jurek Becker hat meine Stellungnahme im SEDZentralorgan " Neues Deutschland " zum Beleg dafür zitiert, dass ich gegen die Ausbürgerung Biermanns war.

Frage : Manche Leute haben Sie im Westen auch einen " Gründgens der DDR " genannt, anspielend auf seine Rolle und damit die des Künstlers in der Nazi-Zeit. Was sagen Sie zu einem solchen Vergleich ?

Kant : Dazu kann ich nur wieder meine Aussagen in einem Fernsehgespräch mit Günter Gaus zitieren : Niemand kann behaupten, ich sei für ein System, wie es Herr Gründgens vertreten hat, zu haben gewesen. Immerhin : Ich glaube, er war der beste Mephisto, den es je gab. Darüber lässt sich reden. Aber dass man einem Regime als Vorzeigepoet diente, ja, das hat mich nicht gestört. Ich fand dieses Regime in Ordnung, mit all seinen Lücken und Fehlern.