Ich weiß nicht, wer stolz darauf ist, ein Sachsen-Anhaltiner zu sein. Jedenfalls treffe ich nie einen. Und aus den Reden der einschlägigen politischen Köpfe hört man wenig heraus und es entsteht kein Ranking, ob einer nun lieber oder weniger gern Sachsen- Anhalter ist. Dass ich persönlich nicht einmal richtig weiß, ob es nun Sachsen-Anhalter oder Sachsen-Anhaltiner heißt, kann man leicht gegen mich verwenden. Obwohl sich da auch ganz andere nicht sicher sind.

Dabei gehöre ich nicht einmal zu denen, die ihr Herkunftsland gänzlich verleugnen. Und besonders auf Reisen im Ausland bekenne ich mich und mache gern die Probe, wie tief unser Ländchen im Kopf anderer verwurzelt ist.

Gelegenheit zu solch einem Austausch ist, wenn man zu einer Reisegruppe gehört, die genug gesehen hat und nicht mehr kann. In Ephesus auf Marmorstufen zum Beispiel in der heißen Mittagssonne sitzt und sich ein bisschen Kühlung verschafft, indem man an zu Hause im Norden denkt und über seine Heimat spricht.

" Maik Franz ", warf ein junger Bursche ein, als ich lebende Persönlichkeiten aus meinem Bundesland abfragte. Da ich von einem Bürger solchen Namens noch nicht gehört hatte, zweifelte er sofort an meiner Kompetenz überhaupt und machte mich klug. Maik Franz wäre ein Bundesliga-Profi aus Sachsen-Anhalt stammend. Ein bekannter Eisenfuß, dem jeder Stürmer den Ball schon freiwillig überlässt, wenn er ihn noch gar nicht haben will. " Wir Fans aus Frankfurt lieben ihn. Also wenn ein Land auf einen Sohn stolz sein will, dann auf den. "

Und sonst so ?

Der Rest der Diskussion war durch Ungenauigkeit geprägt. Einer warf Martin Luther ein.

Wurde aber gleich belehrt, dass der ja nicht mehr lebte und außerdem ein Sachse sei. Oder ein Thüringer. Die Wartburg läge in Eisenach, das wusste man ja wohl. Und wenn Eisenach in Thüringen lag, war logisch, was für ein Landsmann Luther war.

Von den Schriftstellern hatte bundesweit keiner von sich reden gemacht. Was mich persönlich besonders deprimierte. Aber wiederum tröstete, da es der politischen Elite nicht besser ging.

Einer wusste zumindest, dass wir einen Landesvater hatten. Wusste, wie er aussah. Nannte ihn zunächst Biedenkopf. Ließ sich aber ohne Groll belehren, wie der richtige Name war. Jedenfalls hätte der seinen Verstand am rechten Fleck.

Besonders imponierte diesem Reisekameraden aus Rheinland-Pfalz, dass der Ministerpräsident den Landtag zwar nicht gänzlich abschaffen, die Abgeordneten auch nicht auf 1 Euro setzen wollte, aber Teilzeit immerhin. Oder Ehrenamt. Was zwar kein Geld, aber hohe Ehre bringt. Wie es Ehrenämter eben tun.

Der Vorschlag wurde allgemein in der Runde begrüßt und ich regelrecht um meinen Landesvater beneidet. Schade sagte einer, dass der nächstes Jahr nicht mehr will. Und gleich griff die Sorge um sich, wer den gediegenen Landeslenker wohl ersetzen könnte. Einer wie Martin Luther wäre geeignet, war man sich einig. Schade, dass der nicht mehr unter den Lebenden weilt.

Oder einer wie Maik Franz, meldete sich der Fußballfan zurück. Der hält den Strafraum hinten sauber. Und vorn legt er einen filigranen Fallrückzieher hin.

Martin Meißner ist Schriftsteller in Sachsen-Anhalt.