Das Schloss Wernigerode zeigt gegenwärtig eine Ausstellung, der " Schlosschef " Christian Juranek den Titel " Vom unbekannten Kuttel Daddeldu " gab. Dabei bezog er sich auf einen Gedichtband von Joachim Ringelnatz, den der Zeichner Karl Arnold illustrierte. Der Band wurde von den Nationalsozialisten schon im Frühjahr 1933 verboten. Die Ausstellung zeigt weitgehend unbekannte Arbeiten des weit über Deutschland bekannten Künstlers.

Wernigerode. Karl Arnold wurde 1883 geboren. Er studierte von 1902 bis 1907 an der Akademie der Bildenden Künste in München, unter anderen auch bei Franz von Stuck. Allmählich begriff er, dass seine eigentliche Begabung auf dem Gebiet der Grafik lag, und obwohl ihm noch 1908 ein Altarbild für die Kirche in Neustadt / Franken Anerkennung und Lob einbrachten, blieb er sich treu.

Um 1907 / 08 begann seine jahrelange Mitarbeit an zwei kulturhistorisch bedeutsamen Journalen, dem " Simplicissimus " und der " Jugend ". Was das für ihn bedeutete, macht ein Brief an seine Eltern deutlich : " Also ich bin Mitarbeiter des Simplicissimus – seit heute 6 Uhr. Seit 14 Tagen liegen Arbeiten von mir auf der Redaktion – ich höre keine Antwort. Heute kommt ein Brief, Ihre Arbeiten gefallen uns sehr, wollen Sie uns bitte persönlich besuchen ‘. Meine Bekannten waren einfach sprachlos über so eine Antwort. Liebermann war nahe daran, verrückt zu werden. Ich selbst habe an einen Erfolg beim, Simpl ‘ nie geglaubt – doch ich wollte alles bestürmen, selbst die Hochburg der Karikatur, die gefürchtete Künstlergenossenschaft, die ungern jemanden aus anderen Reihen in ihrer Mitte sehen. Nun, es ist mir gelungen – ohne Empfehlung und ohne alles – mit meinen Arbeiten. "

1913 war er einer der 23 Gründer der " Neuen Münchner Sezession ", zu denen auch Alexander von Jawlewsky und Paul Klee gehörten. Nach dem Ersten Weltkrieg, den er als Frontsoldat und Zeichner einer Armeezeitung überlebte, wurde er sogar Teilhaber und Redakteur des " Simplicissimus ". Er war inzwischen weithin bekannt, und so gab und gibt es Ausstellungen seiner Arbeiten quer durch Europa. Die Jahre der Nazidiktatur brachten ihm Verbote, aber auch eine teilweise Anerkennung seiner Arbeiten. Nach einem Schlaganfall 1943 lebte er schwer behindert bei seiner Schwester. 1953 starb er.

Viele Werke erstmals

öffentlich gezeigt

Die Ausstellung in Wernigerode ist in ihrer ungewöhnlichen Breite ein Stück Kulturgeschichte des auslaufenden 19. Jahrhunderts, und sie zeigt viel Unbekanntes, denn rund 100 der ausgestellten Werke wurden noch nie öffentlich gezeigt. Arnold erweist sich hier zunächst als begabter Maler des Jugendstils, der in seinen Gemälden Landschaften, Gebäude und Personen im Geist der neuen Kunstauffassung darstellen konnte. Fast möchte man bedauern, dass er nicht bei der Malerei geblieben war.

In den folgenden Räumen hängen Studienblätter, teilweise in Farbe, und viele der bisher nicht zugänglich gewesenen Arbeiten neben Beispielen aus seinem Wirken am Simplicissimus. Sein Lachen über die Sturheit des Stammtischs, seine treffsicheren Angriffe auf die Einfalt der Kleinbürger wie auf die dümmliche Geziertheit der Salons, die Bloßstellung des Zechers wie des Snobs lassen den Besucher immer wieder verharren. Und immer wieder bewundert man die genaue Beobachtungsgabe des Künstlers, die vom Haarschnitt seiner Typen bis zum Schuhwerk, vom Halstuch bis zum Gebetsbuch reicht.

Zu etlichen vor 1914 entstandenen Zeichnungen gehören auch kurze prägnante Texte, wie bei den sozialkritischen Blättern " Familienfest " und " Hausindustrie ". Eine ärmlich gekleidete junge Mutter mit schon drei Kindern, in nüchterner kalligrafischer, nur von der Linie lebender Zeichnung, bereitet das " Familienfest ", die Taufe vor. " Bei uns is morgen Kindstäf, da gibt es Bücklinge, und vor die Gevattersleut hat der Vater a Hündli geschlacht. "

Auf dem anderen Blatt, für das er einen locker gezogenen feinen Kritzelstrich als Ausdrucksmittel wählt, bemalt ein Vater mit seinen 5 Kindern Holzpferdchen. Ein sechstes liegt in der Wiege, die Mutter offensichtlich hochschwanger im Bett. " Mutter muss fleißig Kinder kriegen, damit Vater billige Arbeitskräfte hat. " Nicht so bitter ist die Ironie bei einem letzten Beispiel " In der Leihbibliothek ". Eine Frau steht vor dem Buchhändler. " Ich möchte ein schönes Buch für einen Kranken. " " Bitte, möchten Sie vielleicht etwas Religiöses ?" " Danke, es geht ihm ja schon besser. "

Intellektuelle Schärfe

der Interpretation

Vor allem bei vielen bisher nicht veröffentlichten Zeichnungen fällt gar nicht auf, dass ein Textkommentar fehlt. Sie leben nur aus der Linie. Manchmal genügen schon die Augen der dargestellten Personen, um ganze Geschichten zu erzählen.

Immer ist es neben der formalen Meisterschaft, die besonders in der reinen Federzeichnung deutlich wird, die intellektuelle Schärfe der Interpretation, die ihm den einfachsten Nenner ermöglicht. Getragen wird alles von einer nicht gerade häufigen liberalen Weltsicht, die Humor und Humanismus gleichsetzt.

Obwohl ein großer Teil des künstlerischen Nachlasses von Karl Anton in Museen einen Platz gefunden hat, ist vieles in Privatbesitz geblieben. Christian Juranek konnte, in mühevoller Kleinarbeit, auf diese Quellen zurückgreifen. Entstanden ist so eine Ausstellung, die weit über Wernigerode hinaus von Bedeutung ist.

Bis zum 20. Juni kann man eintauchen in die Welt des Jugendstils und sich über harmlosen Witz und treffsichere Satire freuen.